Religion
Anders als in Kulturen, in denen eine Religion dominierend ist, beinhaltet die koreanische Kultur eine Vielzahl religiöser Elemente, die die Denk- und Verhaltensweisen der Menschen geprägt haben. In frühen historischen Epochen waren religiöse und politische Funktionen miteinander verbunden, später wurden sie jedoch voneinander getrennt.
Historisch betrachtet lebten die Koreaner unter dem Einfluss des Schamanismus, Buddhismus, Taoismus oder Konfuzianismus. In der Neuzeit hat sich das Christentum in Korea immer weiter verbreitet, was zu einer Veränderung der Lebenseinstellung mancher Menschen führte. Die Industrialisierung, die in Korea innerhalb weniger Jahrzehnte stattfand und nicht in einigen Jahrhunderten wie im Westen, hat ein beträchtliches Maß an Angst ausgelöst und eine innere Entwurzelung mit sich gebracht. Sie hat den Koreanern ihre Seelenruhe genommen und sie dazu gebracht, Trost in der Religion zu suchen. Infolgedessen ist die Zahl der Gläubigen merklich gestiegen, religiöse Institutionen werden zu einflussreichen gesellschaftlichen Organisationen.
Die Religionsfreiheit wird durch die koreanische Verfassung garantiert. Laut einer statistischen Erhebung von 2005 gehören 53,1 Prozent der Koreaner einer Religionsgemeinschaft an. 43 Prozent sind Buddhisten, gefolgt von Protestanten mit 34,5 Prozent und Katholiken mit 20,6 Prozent.

(Personen)
Quelle: Korea National Statistical Office (2005) www.kostat.go.kr
Buddhismus
Der Buddhismus ist eine mehr auf philosophischen Grundsätzen aufbauende Religion, die eine große Disziplin verlangt und deren Kernpunkt die persönliche Rettung durch Wiedergeburt in einem endlosen Kreislauf der Reinkarnation ist.
Der Buddhismus wurde in Korea 372 n.Chr. während des Goguryeo-Reiches durch einen Mönch namens Sundo eingeführt, der aus dem chinesischen Qian Qin-Reich kam. 384 n.Chr. brachte der Mönch Malananda den Buddhismus aus dem östlichen Jin-Staat in China nach Baekje. Im Silla-Reich wurde der Buddhismus Mitte des 5. Jahrhunderts durch Mönch Ado aus dem Goguryeo-Reich verbreitet. Diese Religion wurde von den Herrschern der Drei Königreiche sehr gefördert, da sie als geistiger Halt für die Regierung nützlich zu sein schien. Buddha war das einzige Objekt der Verehrung, wie auch der König die einzige Autoritätsperson war.
Unter dem Schutz des Königshofes wurden zahlreiche Tempel und Klöster gebaut, und die Zahl der Gläubigen nahm kontinuierlich zu. Im sechsten Jahrhundert wanderten Mönche und Künstler mit Schriften und religiösen Kunstgegenständen nach Japan aus, um dort die Basis für eine frühe buddhistische Kultur zu schaffen.
Als das Silla-Reich im Jahr 676 vereinigt wurde, war der Buddhismus Staatsreligion, obgleich die Regierungssysteme den konfuzianischen Regeln folgten. Die Förderung des Buddhismus durch den Königshof führte zu einer wahren Blütezeit der buddhistischen Kunst und des Tempelbaus. Zeugnis hiervon legen der Bulguksa-Tempel und andere Relikte in Gyeongju, der Hauptstadt des Silla-Reiches, ab. Der Einfluss des Buddhismus schwand, als der Adel sich zunehmend einem ausschweifenden Lebensstil hingab. Damals entwickelte sich eine neue Richtung, die des Seon- (Zen-) Buddhismus, deren Ziel es ist, durch ein genügsames Leben die allgemeingültige Wahrheit zu finden.

Lotus-Laternenfestival
Am Wochenende vor Buddhas Geburt (8. April nach dem Mondkalender) wird ein Laternenfestival veranstaltet. www.llf.or.kr
Die Herrscher des nachfolgenden Goryeo-Reichs waren noch größere Anhänger des Buddhismus. Während dieser Zeit setzte sich die Blütezeit in der buddhistischen Kunst und Architektur durch die vorbehaltlose Unterstützung des Adels fort. Zu der Zeit wurde auch die Tripitaka Koreana geschaffen. Als Yi Seong-gye, der Gründer des Joseon-Reichs, einen Aufstand inszenierte und sich 1392 selbst zum König ernannte, versuchte er, den Einfluss des Buddhismus auf die Regierung zu beseitigen und übernahm die konfuzianische Lehre als Richtschnur für die Regierung und die moralischen Grundsätze. Während der 500 Jahre währenden Herrschaft des Joseon-Reichs stießen jegliche Bemühungen, den Buddhismus wieder aufleben zu lassen, auf heftigen Widerstand seitens der konfuzianischen Gelehrten und Beamten.
Als Japan Korea 1910 gewaltsam annektierte, versuchte es, die buddhistischen Sekten Koreas mit denen Japans zu vereinigen. Diese Versuche schlugen jedoch fehl und führten sogar zu einem wieder erwachenden Interesse der Koreaner am Buddhismus in der Form, wie er in ihrem Land üblich war. In den letzten Jahrzehnten konnte man eine Art Renaissance des Buddhismus erleben, der sich darum bemüht, die Veränderungen in der modernen Gesellschaft in den Glauben zu integrieren. Der Großteil der Mönche lebt im Gebirge und übt sich in Selbstdisziplin und Meditation, ein Teil jedoch zieht in die Städte, um dort den Glauben zu verkünden. Eine Vielzahl von Mönchen erforscht an Universitäten im In- und Ausland die buddhistischen Lehren. Der Seon- (Zen-) Buddhismus in Korea, der auf Meditation ausgerichtet ist, erfreut sich zunehmenden Interesses. Viele Ausländer treten in die Fußstapfen großer koreanischer Mönche und üben sich im Songgwangsa-Tempel in der Provinz Jeollanam-do sowie in Zentren des Zen-Buddhismus in Seoul und verschiedenen Provinzstädten in Selbstdisziplin.
Konfuzianismus
Der Konfuzianismus ist eine Morallehre und eine religiöse Anschauung, die von Konfuzius im 6. Jahrhundert v.Chr. begründet wurde. Im Grunde genommen handelt es sich um ein System von ethischen Begriffen — mildtätige Liebe, Rechtschaffenheit, Anstand und kluge Führung — dazu geschaffen, ein geordnetes Leben in Familie und Gesellschaft zu ermöglichen.
Im Konfuzianismus gab es keinen Gott, wie im frühen Buddhismus, doch mit der Zeit wurden die weisen und grundlegenden Prinzipien von den späteren Anhängern kanonisiert.
Der Konfuzianismus gelangte zu Beginn der christlichen Zeitrechnung mit den ersten Aufzeichnungen in chinesischer Schrift ins Land. Überlieferungen aus den drei Königreichen Goguryeo, Baekje und Silla belegen, dass er bereits früh Einfluss ausübte. In Goguryeo wurde 372 eine staatliche Universität namens Daehak gegründet. Auf dem Land entstanden private konfuzianische Akademien. Im Königreich Baekje finden sich derartige Institutionen sogar noch früher.
Im Vereinigten Silla-Reich wurden Delegationen von Gelehrten nach Tang-China entsandt, um dort die Arbeit der Institutionen direkt zu verfolgen und umfangreiches Schriftgut über die dort behandelten Themen nach Korea zu bringen. In der Goryeo-Zeit im 10. Jahrhundert war der Buddhismus Staatsreligion, der Konfuzianismus bildete das philosophische und strukturelle Rückgrat des Staates. In der Prüfung für Beamte, Gwageo, die in Anlehnung an das chinesische System im späten 10. Jahrhundert eingeführt wurde, legte man großen Wert auf das Studium der klassischen Schriften des Konfuzius. In dieser Zeit prägten sich die konfuzianischen Werte tief in das Bewusstsein der Koreaner ein.
Im 1392 gegründeten Joseon-Reich akzeptierte man den Konfuzianismus als offizielle Ideologie und entwickelte ein konfuzianisch geprägtes Erziehungs-, Verwaltungs- und Zeremoniensystem. Als westliche Mächte und Japan im späten 19. Jahrhundert anfingen, militärischen Druck auf Korea auszuüben, um eine Öffnung des Landes nach außen zu forcieren, bildeten die Konfuzianer “rechtschaffene Armeen”, um sich gegen die Aggression wehren zu können.
Es gab auch Kreise, die bestrebt waren, den Konfuzianismus zu reformieren und ihn an die veränderte Lebenssituation anzupassen. Diese Kreise begrüßten die westliche Zivilisation und wollten eine moderne, unabhängige Regierung gründen. Auch während der japanischen Kolonialzeit sind viele der Reformer den Unabhängigkeitsbewegungen beigetreten, um gegen das imperialistische Japan zu kämpfen. Heutzutage ist die Ahnenverehrung, wie Konfuzius sie lehrte, immer noch weit verbreitet, und die Ehrfurcht der Kinder vor den Eltern wird als hohe Tugend in der koreanischen Gesellschaft angesehen.
Katholizismus
Die Welle der christlichen Missionierung erreichte Korea im 17. Jahrhundert, als Kopien der Werke des katholischen Missionars Matteo Ricci in chinesischer Sprache von Peking aus durch die jährlich dorthin entsandte Tribut-Delegation ins Land gelangten. Neben religiösen Doktrinen beschäftigen sich diese Bücher auch mit Aspekten der westlichen Lehre, wie dem Sonnenkalender und anderen Themen, die das Interesse der Gelehrten der Silhak, der Schule des Praktischen Lernens, weckten.
Im 18. Jahrhundert gab es bereits etliche Konvertiten unter diesen Gelehrten und ihren Familien. Es kamen aber keine Priester ins Land. 1794 reiste der erste chinesische Priester, Zhou Wenmo, nach Korea. Die Zahl der Konvertiten nahm weiter zu, obgleich die Verbreitung ausländischer Religionen auf koreanischem Boden immer noch gegen das Gesetz verstieß. Von Zeit zu Zeit gab es Verfolgungen. Im Jahr 1865, zwei Jahre nach der Amtsübernahme des ausländerfeindlichen Prinzregent Daewongun, standen ein Dutzend koreanische Priester einer Gemeinde von 23.000 Gläubigen vor.

Myeong-dong Cathedral, central Seoul www.mdsd.or.kr
1925 wurden 79 Koreaner, die während der Verfolgungen in der Joseon-Zeit ihr Leben geopfert hatten, im Petersdom zu Rom selig gesprochen, weitere 24 wurden 1968 in diesen Kreis aufgenommen.
Während des Koreakrieges (1950-1953) und auch danach nahm die Zahl katholischer Organisationen und Missionen zu. Die katholische Kirche in Korea wuchs schnell, ihre Hierarchie wurde 1962 begründet. 1984 feierte die römisch-katholische Kirche ihr zweihundertjähriges Bestehen in Korea. Zu diesem Anlass reiste Papst Johannes Paul II. nach Seoul, wo er 93 Koreaner und 10 französische Missionare heilig sprach.
Es war das erste Mal, dass eine Heiligsprechung nicht im Vatikan stattfand. Damit hat Korea die viertgrößte Zahl an Heiligen weltweit, obwohl die Zahl der Katholiken nur langsam zunahm.
Protestantismus
1884 kam Horace N. Allen, ein Mediziner und presbyterianischer Missionar, aus den USA nach Korea. Die Amerikaner Horace G. Underwood, ebenfalls Presbyterianer, sowie Henry G. Appenzeller, ein Missionar aus der methodistischepiskopalischen Kirche, folgten im nächsten Jahr. Vertreter anderer protestantischer Konfessionen schlossen sich ihnen an. Sie leisteten ihren Beitrag in der koreanischen Gesellschaft, indem sie medizinische und erzieherische Dienste anboten und auf diese Weise ihren Glauben verbreiteten. Koreanische Protestanten, wie Dr. Seo Jae-pil, Yi Sang-jae und Yun Chi-ho, alle führende Persönlichkeiten in der Unabhängigkeitsbewegung, widmeten ihr Leben der Politik.
Die protestantischen Privatschulen, wie die Yonhi- und die Ewha-Schulen, dienten der Förderung des nationalistischen Gedankengutes. 1903 wurde neben anderen christlichen Organisationen auch der “Christliche Verein junger Männer” (YMCA) in Seoul gegründet. Diese Organisationen setzten sozialpolitische Programme um und regten an, dass ähnliche Vereinigungen junger Koreaner gebildet wurden. Sie dienten nicht allein politischen oder erzieherischen Zwecken, sondern weckten auch das soziale Bewusstsein gegenüber abergläubischen Praktiken und schlechten Gewohnheiten. Gleichzeitig traten sie für die Gleichberechtigung von Mann und Frau, die Abschaffung des Konkubinats und die Vereinfachung von Vorschriften bezüglich der Zeremonien ein.
Heimische Religionen
Der Zusammenbruch der Joseon-Dynastie und die japanische Besetzung waren Auslöser für die Entstehung verschiedener neuer Glaubensrichtungen.
Der Won-Buddhismus wurde gegründet mit dem Versprechen, alle empfindsamen und leidenden Wesen in ein ewiges Paradies zu führen. Es ist ein Glaube, der auf moralischer Lehre, seelischer Kraft und dem Streben nach Wahrheit basiert. Die Bezeichnung Won-Buddhismus, koreanisch Wonbulgyo, ist eine Zusammenstellung aus Wörtern, die Wahrheit, Erleuchtung und Lehren bedeuten: “Won” meint ‘einheitlicher Zirkel’ und symbolisiert die endgültige Wahrheit. “Bul” bedeutet ‘erleuchten’ und “gyo” heißt ‘die Wahrheit lehren’. Aus diesem Grund handelt es sich bei dem Won-Buddhismus um eine Religion, die die wahrhafte Erleuchtung und die Anwendung dieses Wissens im alltäglichen Leben einfordert.
In den 60er Jahren des 19. Jahrhunderts entstand eine Glaubensrichtung, die man als Cheondogyo bezeichnete und die sich vor allem auf technologische und soziale Probleme konzentrierte, um ein Gegengewicht zu der überhand nehmenden Konkurrenz aus dem Ausland zu bilden. Damals nannte man sie Donghak (östliche Lehre) als Gegenbegriff zur “westlichen Lehre”.
Cheondogyo basiert auf dem Prinzip des Innaecheon, das heißt, der Mensch ist identisch mit “Haneullim”, dem Gott des Cheondogyo, der Mensch ist jedoch nicht gleich Gott. Die Gedanken eines jeden Menschen kreisen um “Haneullim”, dies ist die Quelle seiner Göttlichkeit, während geistiges Training ihn mit Gott eins werden lässt.
Islam
Trotz der Handelsbeziehungen und des diplomatischen Austausches zwischen der Goryeo-Dynastie und der islamischen Welt lösten sich diese Kontakte während der Joseon-Dynastie auf. Die ersten Koreaner, die mit dem Islam in Berührung kamen, waren jene, die Anfang des 20. Jahrhunderts während der japanischen Kolonialherrschaft in den Nordosten Chinas zogen. Nach dem Zweiten Weltkrieg kehrte eine Handvoll von ihnen, nunmehr zum Islam übergetreten, nach Korea zurück. Sie hatten jedoch keine Möglichkeit, Gottesdienste abzuhalten. Das änderte sich erst, als türkische UN-Streitkräfte während des Koreakrieges (1950-1953) nach Korea kamen und ihnen die Teilnahme an ihren Gottesdiensten erlaubten.
1955 wurde der Islam in Korea mit einem Gottesdienst offiziell eingeführt. Danach fand die Wahl des ersten koreanischen Imam statt. Die Zahl der dem Islam angehörigen Gläubigen nahm weiter zu, so dass 1967 eine neue Organisation, die “Muslimische Gemeinschaft Koreas”, entstand und 1976 eine Hauptmoschee in Seoul eingeweiht wurde.
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