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Kolumne

Friedenswirtschaft von Präsident Moon Jae-in

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Von Harry J. KazianisDirektor für Verteidigung und Sicherheit, Zentrum für Nationales Interesse der USA

Wenn ich hier in den USA mit dem Publikum über die koreanische Geschichte spreche, versuche ich, das „Gefühl des Verlusts“ aus den drei großen Tragödien der neueren Geschichte in Korea zu vermitteln: die Schrecken der japanischen Besatzung, der Koreakrieg, bei dem Millionen Menschen ums Leben kamen, und die nationale Teilung, die sich aus dem Koreakrieg ergeben hatte.

Dies ist sicherlich keine leichte Aufgabe. Es ist, gelinde gesagt, eine Herausforderung, die Geschichte eines fremden Landes einem Publikum zu erklären, das keine Vorkenntnisse über das Thema besitzt. Es kann jedoch hilfreich sein, historische Beispiele zu verwenden und sogar historische Fiktionen im Handumdrehen zu erstellen. Ich bitte das Publikum, sich vorzustellen, dass der US-Bürgerkrieg nie zu Ende ging, dass Amerika heute gespalten blieb und zuvor von Kanada erobert sowie kolonialisiert wurde. Obwohl dies vielleicht kein exakter Vergleich ist, wenn man die schockierten Blicke in ihren Gesichtern betrachtet, verstehen sie es.

Die Bemühungen, was Präsident Moon Jae-in in den letzten Jahren getan hat, nenne ich „das Wunder von Präsident Moon”. Es ist wirklich was Besonderes.

Seine Bemühungen um gegenseitiges Vertrauen, gemeinsame wirtschaftliche Vorteile und Integration sowie die Reduzierung der militärischen Spannungen mit Nordkorea haben große geopolitische Vorteile gebracht. Die Beziehungen zwischen den beiden Teilen Koreas haben sich verbessert, sodass die innerkoreanischen Gipfeltreffen dreimal stattgefunden haben. Die historischen Treffen zwischen Pjöngjang und Washington fanden ebenfalls statt. Trotz dieser erfolgreichen Angelegenheiten ist Seoul wieder mit diplomatischen Schwierigkeiten konfrontiert.

Auf jeden Fall gibt es eine gute Nachricht nach Ansicht Nordkoreas. Gemeinsame Militärübungen zwischen den USA und Südkorea sind nun vorbei. Es besteht auch die Möglichkeit, dass in den kommenden Tagen das Treffen zwischen Washington und Pjöngjang auf Arbeitsebene zustandezukommt, um das dritte offizielle USA-Nordkorea-Gipfeltreffen zu veranstalten, was hoffentlich den Weg für die ersten Schritte zur Denuklearisierung des Nordens ebnen kann.

Dies ist nur der Beginn einer langen Reise für das koreanische Volk. Was danach kommt, ist für Südkorea und die Administration unter Präsident Moon von entscheidender Bedeutung. Seoul muss vorbereitet sein, seine Hand erneut nach Pjöngjang auszustrecken, um alte Wunden zu heilen und die Zusammenarbeit zu fördern. Dann werden die beiden Teile Koreas ihr Schicksal gemeinsam schreiben.

Um dies zu ermöglichen, hat Präsident Moon am 15. August in einer wichtigen Ansprache an die Nation seine Vision für eine „Friedenswirtschaft" beschrieben. Er wolle eine Friedenswirtschaft aufbauen, in der Wohlstand durch Frieden erreicht und die Unabhängigkeit Koreas durch die Einheit der koreanischen Halbinsel vollendet wird.

Jedoch muss man darauf achten, dass die Vision von Präsident Moon kühn ist und gleichzeitig ein gewisses Risiko bringt.

Moon sagte: „Nach Schätzungen des IWFs wird Korea die vierte industrielle Revolution anführen und sein Pro-Kopf-Einkommen wird um das Jahr 2024 40.000 US-Dollar übersteigen. Wenn wir die Fähigkeiten der beiden Teile Koreas auch unter Beibehaltung unserer jeweiligen politischen Systeme kombinieren, dann können wir einen einheitlichen Markt von 80 Millionen Menschen schaffen. Sobald die koreanische Halbinsel vereint wird, wird sie voraussichtlich eine der sechs größten Volkswirtschaften der Welt werden. Forschungsergebnisse aus dem In- und Ausland lassen darauf schließen, dass um 2050 ein Pro-Kopf-Einkommen von 70.000 bis 80.000 US-Dollar möglich sein wird.“

Eine Friedenswirtschaft würde nicht nur einen natürlichen Weg zur Wiedervereinigung eröffnen, sondern kurz- bis mittelfristig auch dazu beitragen, dass sich die wirtschaftlichen Lücken zwischen den beiden Teilen Koreas schließen, die dringend gefüllt werden müssen. Für Seoul könnte ein langsameres Wirtschaftswachstum eine Herausforderung darstellen, die aufgrund der demografischen Entwicklung nicht einfach zu lösen ist und bald eine Ära einläuten könnte, in der die Bevölkerung im erwerbsfähigen Alter in Südkorea bereits im nächsten Jahr schrumpfen könnte. Investitionen in Nordkorea könnten dem Süden Gewinne in Höhe von mehreren Hundert Milliarden US-Dollar bringen und das Wirtschaftswachstum sichern. Gleichzeitig könnten sie zur Modernisierung der nordkoreanischen Wirtschaft beitragen, die nach Schätzungen nur einen Wert von 16 Milliarden US-Dollar hat.

Aber nichts davon wird einfach sein. Auch wenn Nordkorea denuklearisiert und die Sanktionen aufgehoben werden, hat es noch viel zu tun, um die Gunst der südkoreanischen Unternehmensinvestitionen zu gewinnen. Pjöngjang müsste den notwendigen rechtlichen Rahmen und Formen sowie ein für Investitionen günstiges Geschäftsumfeld schaffen. Wir dürfen auch den traurigen Zustand der Menschenrechte im Norden nicht vergessen.

Dies alles wird einige Zeit in Anspruch nehmen und nicht über eine Nacht geschehen. Es ist jedoch klar, dass die südkoreanische Regierung unter Präsident Moon an den Tag denkt, an dem alle Koreaner an den Vorteilen der Denuklearisierung und einer Wirtschaft, die Wohlstand auf der gesamten Halbinsel schaffen kann, teilhaben können. Während die Wiedervereinigung noch bis 2045 dauern könnte - wie Präsident Moon in seiner Rede vom 15. August angekündigt hatte -, ist es jetzt an der Zeit, die notwendigen Schritte zu überdenken, um dorthin zu gelangen. Und ich kann mir nichts Besseres vorstellen, um diesen Traum zu verwirklichen als eine Friedenswirtschaft.

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