Das Kaffee Aramo Roasters ist stilvoll und schlicht eingerichtet – perfekt für Musikabende bei entspannter Atmosphäre.
Von
Korea.net-Ehrenberichterstatterin Lara Leipholz aus
Deutschland | Fotos:
Lara Leipholz
Im Eingang wird man empfangen von koreanischer Musik. Entspannte Klänge, der typische koreanische Rhythmus. Ein freundliches
Annyeonghaseyo – Hallo – kommt mir entgegen. Am Tresen erblickt man sofort koreanische Getränke in Dosen, auf der Karte erblicke ich ein Foto von meinem Lieblingsgericht
Bibimbap und es riecht nach herrlich frischen Butterwaffeln.
Die Atmosphäre erinnert mich so sehr an Korea, obwohl wir uns mitten in der Hamburger Innenstadt befinden. Es ist sofort zu spüren: hier sind Koreaner die Besitzer. Und das liegt nicht nur daran, dass koreanische Speisen verkauft werden oder koreanische Musik läuft. Koreanische Cafés und die koreanische Kultur strahlen eine besondere Atmosphäre aus, die nicht alleine durch Speisen und Getränke erschaffen werden kann. Jeder, der schon einmal in Korea war, weiß, was ich meine. Es ist eine Mischung aus einem Ort der Ruhe, des Genusses, eines Treffpunktes von Freunden und einer Auszeit von dem hektischen und stressigen Alltag. Wir befinden uns im Kaffee Aramo Roasters. Und der Name ist Programm. Neben typischen koreanischen Speisen wie
Bibimbap oder
Kimbap und Getränken wie Süßkartoffel-Latte ist der Fokus dieses Cafés auf Kaffeekunst gerichtet: speziell auf Handfilterkaffee.
Viele Menschen verbinden mit Korea Tee. Tee ist auch beliebt und wird sehr gerne und viel getrunken. Aber: Koreaner lieben Kaffee. Koreaner lieben vor allem guten Kaffee. Ich hatte die Ehre mit den Besitzern ein schönes und langes Gespräch führen zu dürfen. Sie erzählten mir von ihrem Traum, dieses Café zu eröffnen, von den Problemen, in ein neues Land zu ziehen, und von der Sehnsucht nach ihrer Familie in der Ferne.
Herr Kim und Frau Cho (in Korea ist es üblich, dass jeder seinen Familiennamen nach der Heirat behält) sind in Südkorea geboren, aufgewachsen und haben beide dort Musikpädagogik studiert, zunächst viele Jahre in diesem Bereich gearbeitet und unterrichteten nach ihrem Studium an der Universität Klavier. Herr Kim arbeitete zudem nebenbei bei großen Fernsehsendern. Doch die große Leidenschaft für Musik und Kunst musste zunächst etwas warten und die inzwischen gewachsene Familie mit Sohn und Tochter zogen nach China. Es ergab sich die Möglichkeit, dort den großen Bruder von Herrn Kim in dessen neu gegründeter Firma zu unterstützen, sodass die gesamte Familie im Jahr 2004 nach China auswanderte. Chinesisch beherrschten sie alle fließend und zunächst stand es nicht im Raum, das Land zu verlassen. Doch die Kinder wurden älter und als der ältere Sohn 11 Jahre alt war, überlegten sie sich, wo die Kinder die bestmögliche Bildung erhalten und vor allem ihre eigenen Träume verwirklichen könnten.
Denn: In Korea ist Bildung und die Zukunft der eigenen Kinder mit eines der höchsten und wichtigsten Güter. Eltern geben in Korea ihren letzten Cent für die Bildung ihrer Kinder aus. Es ist nicht ungewöhnlich, dass Kinder ab der Grundschule am Nachmittag noch privaten Unterricht erhalten. Es gibt Unmengen von Privatschulen, die Kinder in Korea nachmittags besuchen – neben den langen Schulalltagen, die oft bis in den späten Nachmittag oder Abend rein ragen – und das nicht, weil sie vielleicht schlecht in einem Fach sind oder Probleme haben. Nein, die Eltern wollen nur alles ermöglichen, was ihre Kinder im Thema Bildung bereichern kann.
Herr Kim bietet in seinem Café eine Vielzahl an Kaffee-Röstungen an, die er als Handfilterkaffee zubereitet.
Familie Kim hatte bei den Auswanderungsplänen nicht nur Deutschland im Kopf. Es gab noch ein paar Länder, in denen sie sich vorstellen konnten zu leben und vor allem für ihre Kinder eine gute Zukunft vorhersahen. Doch 2017 reiste die Familie dann nach Deutschland, ohne sich vorher die deutsche Sprache richtig angeeignet zu haben. Die Idee von einem eigenen Café war schon immer ein kleiner Traum von Herrn Kim. Er wollte einen Raum erschaffen, wo wunderschöne Musik läuft, wo (die eigene) Fotografie aushängt und man Kunst, Musik und die Leidenschaft für Kaffee verbinden kann. Und der Wunsch sollte in Deutschland, in Hamburg, wahr werden. Seine Liebe für Kaffee und speziell Filterkaffee wurde im Jahr 1993 entfacht, als ein Kommilitone für ihn das erste Mal diese Art Kaffee zubereitete. Seitdem war er auf der Suche, in jeder Stadt, die er auch besuchte, den perfekten Filterkaffee zu finden. Es ist eine Leidenschaft und eine Art Kunst, die Röstung, das Mahlen und das Gießen immer weiter zu perfektionieren.
Sein Traum, selber diese spezielle Art der Kaffeezubereitung anzubieten, wurde mit dem Hamburger Café Realität. Seine Fotografien hängen an den Wänden, ein Klavier steht in der Ecke, es läuft entspannende Musik, es gibt verschiedene eigene Röstungen zu kaufen und natürlich Handfilterkaffee, von Herrn Kim mit Liebe zubereitet. Vor der Corona-Krise gab es regelmäßige Jazz-Abende, Kinder-Konzerte und Veranstaltungen, bei denen Kunst gelebt wird. So traumhaft es ist, dass dieser Ort hier in Deutschland nicht nur etwas Korea herbringt, sondern auch Kunst vermittelt und Kaffeeliebhaber träumen lässt, es gab und gibt weiterhin viele Herausforderungen für die Familie in einem fremden Land.
Ich kann mir nicht ausmalen, was es bedeuten würde, in Korea nicht nur ein Leben aufzubauen, sondern sich sogar selbstständig zu machen. Denken wir neben der Sprache an kulturelle Unterschiede, an Behördengänge und vielleicht auch das Gefühl der Fremdheit. Ich kann nur immer wieder betonen, was für einen Respekt ich vor dem Mut und der Stärke der Familie Kim habe, so einen Schritt zu wagen. Natürlich habe ich Familie Kim Fragen über die Herausforderungen gestellt. Und das schwierigste für die Familie, was ich aus dem Gespräch herausholen konnte, war, dass sie keinen Ansprechpartner haben. Die Sprache ist die eine Sache, aber viel schwieriger war für sie, dass sie niemand hatten, der zum Beispiel selber schon aus Korea kam und hier in Hamburg ein Café eröffnet hatte. Der Rat und Tipps geben konnte in dieser schwierigen Anfangsphase. Visum, Bürokratie, Hygieneregeln und Vorschriften. All das, was auch für uns Deutsche, die in die Selbstständigkeit gehen, schon schwierig ist.
Doch: es gab kein Zurück mehr. Familie Kim hatte schon alles in die Wege geleitet und sie wollten in Deutschland bleiben, überleben und für ihre Kinder eine Zukunft in Deutschland aufbauen. Und sie haben es geschafft. Rückblickend sagt Herr Kim, dass er sich das Ganze mit seinem Wissen von heute wohl selbst nicht zugetraut hätte. Doch genau das ist es, was Mut ausmacht: Einen Traum verfolgen, auch trotz der Ungewissheit, was einen erwartet!
Ich fragte die Familie Kim, was ihnen aus der Heimat fehlt. Und das Witzige: Ich wusste die Antwort schon. Vielleicht, weil ich mich schon lange mit der koreanischen Kultur beschäftige oder einfach, weil es mir im Ausland genauso ging. Das erste, was wie aus der Pistole geschossen kam: Ihnen fehlt die Familie. Beide Eltern von Herrn Kim, mittlerweile über 90 Jahre alt, leben noch in Korea und er wünscht sich so sehr, noch Zeit mit ihnen, gerade auch zusammen mit seinen Kindern, zu verbringen. Daneben sind es vor allem die kleinen Dinge, die sie vermissen. Orte, wo man sich ganz heimisch und wohlfühlt. Die wunderschöne und so abwechslungsreiche Natur in Korea. Gerade für Herrn Kim als Fotograf, war es immer eine Leichtigkeit, kurz am Wochenende aufs Land zu fahren und einfach die wundervollen Landschaften zu fotografieren. Und das Essen! Und nicht nur das gute koreanische Essen und die Essensvielfalt an sich. Die Harmonie einer Imbiss-Bude, die schon seit Jahrzehnten existiert, an der man draußen auf der Straße einen Mitternachtssnack zu sich nimmt oder sich mit Freunden nach der Arbeit trifft. Es ist dieses Gefühl, was diese Orte in Korea vermitteln, was man vermisst.
In dem Café der Familie Kim werden verschiedene koreanische Snacks und Gerichte verkauft. Darunter z.B. Gimbap.
Doch: Es ist kein Geheimnis, wie hart die Arbeitswelt in Korea ist. Wie viel gearbeitet und wie wenig gelebt wird. Daher hat sich auch Familie Kim dafür entschieden, im Ausland zu leben. Besuche in der Heimat waren nach der Eröffnung des Cafés kaum möglich. Zwar gab es mehr Lebensqualität und sie lebten ihren Traum, doch ein eigenes Café bedeutet auch Verantwortung und mal eben so nach Korea zu fliegen, war (und ist) da nicht so einfach. Doch die Eltern von Herrn Kim wollten unbedingt sehen, wie und wo ihr Sohn nun lebt und reisten im Alter von über 80 Jahren nach Deutschland. Welch ein Liebesbeweis!
Dann erzählt Herr Kim noch, was er an Deutschland mag. Der Konkurrenzkampf, der in Korea überall zu sehen und kulturell bedingt anerzogen wird, sei in Deutschland weniger präsent. In Korea muss man immer höher, schneller und weiter kommen, deshalb auch der enorme Stellenwert der Bildung und der hervorragenden Abschlüsse an renommierten Universitäten. Auch in Deutschland gibt es das, aber nicht im gleichen Ausmaß.
Und was können Deutsche und Koreaner voneinander lernen? Herr Kim überlegt. Deutsche könnten etwas flexibler denken und nicht nur strenge Regeln befolgen. Und Koreaner sollten sich von Deutschen abgucken, Lebensqualität zu priorisieren.
Ich bin sehr dankbar für diesen Austausch mit Herrn Kim und möchte jedem ans Herz legen, mit Menschen aus anderen Kulturen zu sprechen. Und vor allem für Korea-Liebhaber können solche Gespräche tiefe Einblicke in die Kultur geben. Mein Dank geht an die Familie Kim für ihre Offenheit und den Einblick in eine Familie, die den Mut hatte, in ein fremdes Land auszuwandern und uns ein wenig Korea nach Deutschland zu bringen.
elenakubi@korea.kr
Dieser Artikel wurde von einer Korea.net-Ehrenberichterstatterin verfasst. Unsere ehrenamtlichen Reporter kommen aus der ganzen Welt und teilen ihre Liebe und Leidenschaft über alle Dinge in Korea.