Haenyeo-Frauen bereiten sich an der vulkanischen Küste Jejus auf ihren Tauchgang vor. Mit traditionellen Bojen und Netzen sammeln sie ohne Sauerstoffflaschen Meeresfrüchte wie Abalone, Meeresschnecken, Seegurken und Algen. Die jahrhundertealte Tradition der Haenyeo wurde von der UNESCO als immaterielles Kulturerbe der Menschheit anerkannt ⓒ Injel Jeju
Von Ehrenberichterstatter Joschua Wyrsch aus der Schweiz
Hinein ins Meer
Auf der Insel Jeju ist das Meer nie nur eine schöne Kulisse. Es ist Arbeitsplatz, Erinnerung und Gefahr zugleich.
Seit Generationen gehen Frauen an den vulkanischen Küsten der Insel ins Wasser – ausgerüstet mit Neoprenanzügen, Taucherbrillen, Flossen, einer Schwimmboje und ihrer eigenen Atemkraft. Sie heißen
Haenyeo, die Meeresfrauen von Jeju. Anders als manche romantische Vorstellung vermuten lässt, tauchen sie nicht nach Perlen, sondern nach Abalone, Meeresschnecken, Seegurken, Algen und anderen Meeresfrüchten. Sauerstoffflaschen verwenden sie dabei nicht.
Jeder Tauchgang beginnt mit einem Moment der Stille. Dann verschwinden die Frauen unter der Oberfläche. Zurück bleibt nur die Boje auf dem Wasser – bis sie wieder auftauchen und nach Luft ringen.
Aus der Ferne kann diese Arbeit fast sagenhaft wirken. Aus der Nähe ist sie vor allem eines: körperlich hart, gefährlich und zutiefst menschlich. Kaltes Wasser, alternde Körper, jahrzehntelange Erfahrung und das Meer, das nie ganz berechenbar ist.
Warum die Haenyeo tauchen
Die Haenyeo tauchten nie, um eine Tradition für Besucher vorzuführen. Für viele Familien auf Jeju war ihre Arbeit über lange Zeit eine Frage des Überlebens. Die Frauen sammelten Meeresfrüchte, ernährten ihre Haushalte und arbeiteten oft zusätzlich auf den Feldern. Ihr Leben spielte sich zwischen Meer, Familie, Dorf und Landwirtschaft ab.
Gerade deshalb nehmen die Haenyeo in der Gesellschaft Jejus eine so besondere Stellung ein. Sie waren nicht einfach Taucherinnen. Sie waren Arbeiterinnen, Mütter, Teil der Dorfgemeinschaft und Trägerinnen eines Wissens, das über Generationen weitergegeben wurde: über Gezeiten, Wetter, Strömungen, Felsen und das Leben unter Wasser.
2016 nahm die UNESCO die Kultur der Jeju-Haenyeo in die Liste des immateriellen Kulturerbes der Menschheit auf. Gewürdigt wurden dabei nicht nur ihre Tauchtechnik, sondern auch ihr ökologisches Wissen, ihre Gemeinschaftsstruktur und ihre Bedeutung für die Identität Jejus. (UNESCO)
Eine Haenyeo aus Jeju taucht neben ihrer orangefarbenen Boje wieder auf. Ohne Sauerstoffflaschen verlassen sich die Meeresfrauen auf Atemkraft, Erfahrung und überliefertes Wissen, um Meeresfrüchte zu sammeln – eine lebendige Meerestradition, die von der UNESCO anerkannt wurde ⓒ Korea.net DB
Ein besonders eindrücklicher Teil der Haenyeo-Kultur ist ihr Klang. Wenn die Frauen nach einem Tauchgang an die Oberfläche kommen, stoßen sie einen pfeifenden Atemlaut aus: Sumbisori. Es ist kein Gesang, aber es wirkt beinahe wie Musik – der Klang eines Körpers, der aus der Tiefe zurückkehrt. (UNESCO)
In einer Welt, die immer stärker von Technik und Geschwindigkeit geprägt ist, wirkt ihre Arbeit fast radikal einfach: keine Sauerstoffflasche, kein Motor, keine Maschine. Nur Atem, Können und Vertrauen in das Meer.
Im Jeju-Haenyeo-Museum
Im vergangenen Jahr besuchte ich während meiner Reise nach Jeju das Jeju-Haenyeo-Museum in Gujwa-eup. Vor meinem Besuch kannte ich die Haenyeo vor allem als berühmtes Symbol der Insel. Nach dem Besuch verstand ich sie weniger als Bild – und viel mehr als Frauen mit einer langen, schweren Geschichte.
Taucheranzüge, Flossen, Tauchgewichte und weitere Werkzeuge im Jeju-Haenyeo-Museum in Gujwa-eup. Die Ausstellung zeigt, mit welch einfacher, aber lebenswichtiger Ausrüstung die Haenyeo in kaltem und rauem Wasser arbeiteten. Diese Gegenstände erzählen von Generationen weiblicher Arbeit, Ausdauer und Meerestradition © Joschua Wyrsch
Das Museum zeigt alte Werkzeuge, Taucheranzüge, Fotografien und Alltagsgegenstände, die von Haenyeo selbst gespendet wurden. Dort wurde mir klar: Eine Boje ist nicht einfach eine Boje. Ein Taucheranzug ist nicht einfach ein Kleidungsstück. Diese Objekte tragen die Spuren kalter Morgen, rauer Wellen und jahrzehntelanger Arbeit.
Besonders beeindruckt hat mich, wie vollständig diese Welt war. Die Haenyeo gehörten nicht nur zum Meer. Sie prägten auch das Leben an Land: Familien, Dörfer, lokale Wirtschaft und das Gedächtnis der Insel.
Eine nachgestellte Szene im Jeju-Haenyeo-Museum zeigt Haenyeo-Frauen mit ihren Werkzeugen und Körben nach der Arbeit am Meer. Die Ausstellung gibt Einblick in den Alltag, die Gemeinschaft und die harte Arbeit hinter der Tradition der Meeresfrauen von Jeju © VISITKOREA
Bei Seongsan Ilchulbong
Später besuchte ich Seongsan Ilchulbong, den berühmten vulkanischen Tuffkegel an Jejus Ostküste. Viele Reisende kommen dorthin wegen des Sonnenaufgangs und der spektakulären Aussicht. Doch unten am Meer, bei Umutgae Beach, zeigt sich eine andere Seite der Insel: Je nach Saison und Wetter können Besucher dort Haenyeo bei Vorführungen ihrer Arbeit beobachten.
Blick auf Umutgae Beach unterhalb von Seongsan Ilchulbong, Jejus berühmtem vulkanischem Tuffkegel. Zwischen schwarzem Sand, Felsen und Wellen können Besucherinnen und Besucher je nach Wetter und Meeresbedingungen manchmal Haenyeo bei ihrer Taucharbeit beobachten © Joschua Wyrsch
Laut Korea Tourism Organization umfasst das Angebot dort Einführungen durch Haenyeo, Tauchvorführungen, das Sammeln von Meeresfrüchten, Fotomöglichkeiten, den Verkauf von Meeresprodukten und Verkostungen von Meeresschnecken, Seegurken und Seescheiden.
Als ich bei Seongsan Ilchulbong stand, wurde mir klar: Jeju ist nicht nur eine Insel, die man betrachtet. Es ist eine Insel, die bis heute vom Meer lebt, vom Meer getragen wird und durch das Meer erinnert.
Ein felsiger Zugang zum Meer bei Umutgae Beach unterhalb von Seongsan Ilchulbong. Hier können Besucherinnen und Besucher manchmal Haenyeo bei ihrer Arbeit beobachten und eine Meereskultur erleben, die Jejus Identität bis heute prägt © Joschua Wyrsch
Eine gefährdete Tradition
Heute sind die Haenyeo international bekannt und werden als kulturelles Erbe gefeiert. Gleichzeitig ist ihre Zukunft ungewiss. Die UNESCO weist darauf hin, dass ihre Zahl stark zurückgegangen ist – von mehreren Zehntausend in früheren Zeiten auf nur noch wenige Tausend in den letzten Jahren. Viele aktive Haenyeo sind heute älter, während jüngere Generationen oft andere Berufswege wählen.
Dadurch wird jeder Tauchgang zu mehr als einer touristischen Attraktion. Er ist ein lebendiges Stück Erinnerung. Wenn eine Haenyeo ins Wasser geht, trägt sie nicht nur ein Netz. Sie trägt eine Tradition von Frauen, die ihr Leben aus dem Meer heraus aufgebaut haben – Frauen, die ohne Applaus arbeiteten und aus Gefahr Alltag machten.
In einer Haenyeo-Küche auf Jeju hängen traditionelle Bojen und Netze über einem Tisch mit lokalen Meeresfrüchten. Die Szene zeigt die Welt der Haenyeo jenseits des Meeres: Arbeit, Essen, Gemeinschaft und Erinnerung – eine Kultur, die weiterlebt, auch wenn die Zahl der aktiven Haenyeo sinkt © VISITKOREA
Die Haenyeo zeigen eine ruhigere Seite Koreas. Nicht das schnelle Seoul, nicht die Lichter der K-Pop-Bühnen, sondern ein Korea aus Salz, Wind, schwarzen Lavasteinen und kalten Wellen. Es ist das Korea von Frauen, die weiter tauchten, weil Familien essen mussten, Dörfer überleben mussten und das Meer – so gefährlich es auch war – zugleich Heimat bedeutete.
Vielleicht bleibt ihre Geschichte gerade deshalb so stark in Erinnerung. Die Haenyeo müssen nicht legendär aussehen, um außergewöhnlich zu sein. Sie gehen einfach ins Wasser, verschwinden unter der Oberfläche und kehren zurück – mit dem Beweis, dass einige der ältesten Geschichten Jejus noch immer lebendig sind.
Dieser Artikel wurde von einem Korea.net-Ehrenberichterstatter verfasst. Unsere ehrenamtlichen Reporter kommen aus der ganzen Welt und teilen ihre Liebe und Leidenschaft über alle Dinge in Korea.
dlektha0319@korea.kr