Geommu-Künstlerin Sohyun bei den Vorbereitungen für ihren Auftritt im BTS-Musikvideo „Hooligan“, das am 7. April 2026 veröffentlicht wurde und internationale Aufmerksamkeit auf den traditionellen koreanischen Schwerttanz lenkte
Von Ehrenberichterstatterin Jasmin Mikolay aus Deutschland | Fotos: Sohyun
Als die koreanische Schwerttänzerin Sohyun Anfang April in dem BTS-Musikvideo „Hooligan“ auftrat, dauerte ihr Auftritt nur wenige Augenblicke. Dennoch sorgte die Performance international für Aufmerksamkeit und brachte viele Zuschauer:innen erstmals mit Geommu (검무), dem traditionellen koreanischen Schwerttanz, in Berührung.
Mit dem weltweiten Erfolg von K-Pop, K-Dramen und koreanischen Kulturinhalten wächst auch das Interesse an weniger bekannten traditionellen Kunstformen. Für Sohyun zeigt diese Entwicklung, wie moderne Medien dazu beitragen können, kulturelles Erbe neuen Generationen und internationalen Zielgruppen näherzubringen.
Um mehr über ihren künstlerischen Werdegang, die Philosophie hinter Geommu und ihre Vision für die Zukunft des koreanischen Schwerttanzes zu erfahren, führte die deutsche Korea.net-Ehrenreporterin Jasmin Mikolay am 12. Mai 2026 ein E-Mail-Interview mit der Künstlerin.
Vom Kendotraining zum Geommu
Sohyuns Weg zum Geommu begann nicht auf der Bühne, sondern in der Kampfkunst. Bereits mit neun Jahren begann sie, Kendo zu trainieren. Mit etwa 15 Jahren empfahl ihr Lehrer, der selbst im Bereich Geommu tätig war, einem Schwerttanz-Team beizutreten.
Dort entdeckte sie eine völlig neue Seite des Schwertes. Während sie es zuvor vor allem als Werkzeug der Kampfkunst kennengelernt hatte, faszinierte sie nun dessen künstlerische Ausdruckskraft.
„Die Erfahrung, wie sich das Schwert über reine Technik hinaus zu einer Form künstlerischen Ausdrucks entwickeln kann, hinterließ einen tiefen Eindruck bei mir“, erinnerte sie sich.
Diese Erfahrung bestimmte ihren weiteren Weg. Später verfolgte sie Kampfkunst und Geommu parallel und entwickelte einen Stil, der traditionelle Elemente bewahren und gleichzeitig neue Zielgruppen ansprechen soll. Einen wichtigen Meilenstein erreichte sie 2017 mit dem ersten Platz in der Geommu-Kategorie der internationalen Kampfkunstveranstaltung Moolympia.
Heute leitet sie SWORLD (kor. 스월드) und arbeitet an Aufführungen, Bildungsprogrammen und digitalen Inhalten rund um den koreanischen Schwerttanz.
„Emotionen mit dem Schwert malen“
Geommu wird häufig schlicht als Schwerttanz übersetzt. Für Sohyun greift diese Beschreibung jedoch zu kurz. Die Kunstform verbindet Elemente aus Kampfkunst, Tanz, Musik und koreanischer Ästhetik.
„Ich beschreibe Geommu oft als das Malen von Emotionen mit dem Schwert“, sagte sie.
Obwohl das Schwert auf den ersten Blick Stärke und Kampf symbolisiert, gehe es im Geommu nicht um Aggression, sondern um Balance, Spannung und Schönheit. Zentrale Elemente seien das Schwert selbst, der Atem und die Linie der Bewegung.
Besonders wichtig sei dabei die Verbindung zwischen den einzelnen Bewegungen. „Die wahre Schönheit des Geommu entsteht dann, wenn sich der Fluss der Schwertspitze und die Atmung des Körpers zu einer einzigen Linie verbinden“, erklärte Sohyun.
Der Weg zur professionellen Beherrschung dieser Kunstform ist entsprechend lang. Nach ihrer Einschätzung erfordert Geommu jahrelanges Training sowohl in der Kampfkunst als auch im traditionellen Tanz. Erst das Zusammenspiel beider Disziplinen ermögliche jene besondere Balance aus Präzision, Spannung und Ausdruckskraft, die Geommu auszeichnet.
Gleichzeitig betont sie, dass Geommu grundsätzlich für alle zugänglich sei. Entscheidend seien nicht außergewöhnliche Fähigkeiten, sondern Offenheit und die Bereitschaft, etwas Neues auszuprobieren.
Koreanische Tradition neu interpretieren
Obwohl Geommu auf eine jahrhundertealte Geschichte zurückblickt, versteht Sohyun ihre Arbeit nicht als reine Rekonstruktion historischer Formen.
Traditionelle Varianten wie Jinju Geommu, das als nationales immaterielles Kulturerbe Koreas anerkannt ist, betrachtet sie als wichtigen Teil des kulturellen Erbes des Landes. Ihre eigene Arbeit orientiert sich zwar an diesen Traditionen, setzt jedoch stärker auf kreative Neuinterpretation.
Koreanische Schwerttechniken und traditionelle Tanzästhetik verbindet sie mit moderner Inszenierung, zeitgenössischen Performance-Konzepten und digitalen Medien.
Für Sohyun besteht dabei kein Widerspruch zwischen Bewahrung und Innovation. Tradition könne nur dann lebendig bleiben, wenn sie sich weiterentwickle und neue Generationen erreiche.
Geommu-Künstlerin Sohyun präsentiert 2021 im Jeonju Woojin Cultural Theatre eine Solo-Performance, die die Ausdruckskraft und Ästhetik des traditionellen koreanischen Schwerttanzes in den Mittelpunkt stellt
Geommu in K-Pop und digitalen Medien
Der Auftritt im BTS-Musikvideo war nur eines von zahlreichen Projekten, mit denen Sohyun traditionelle Bewegungskunst in moderne Unterhaltungsformate integriert hat.
In den vergangenen Jahren arbeitete sie unter anderem als Geommu-Double und Trainerin für die Schauspielerin Cha Joo-young im tvN-Drama „Won Kyung“. Darüber hinaus war sie an Werbekampagnen für das Videospiel „Blade & Soul“ beteiligt und choreografierte Geommu-Performances für verschiedene Musik- und Talentshows.
Diese Erfahrungen hätten sie davon überzeugt, dass Geommu besonders wirkungsvoll sein kann, wenn es mit zeitgenössischen Medien verbunden wird. Musik, Film, Mode und digitale Plattformen eröffneten neue Möglichkeiten, traditionelle Kultur sichtbar zu machen.
„Die wesentliche Schönheit der Tradition zu bewahren und sie gleichzeitig so neu zu interpretieren, dass Zuschauer:innen intuitiv darin eintauchen können, ist eine der wichtigsten Richtungen meiner Arbeit“, betonte sie.
Gerade im K-Pop, wo innerhalb weniger Sekunden starke visuelle Eindrücke vermittelt werden müssen, könne die Spannung und Dynamik des Schwerttanzes eine besondere Wirkung entfalten. Für Sohyun zeigen Produktionen wie „Hooligan“, wie traditionelle Kunstformen über moderne Popkultur ein weltweites Publikum erreichen können.
Sohyun posiert mit einem traditionellen Schwert während eines Konzeptshootings, das Geommu in einen modernen visuellen Kontext überträgt und neue Zugänge zur koreanischen Bewegungskunst schaffen soll
Eine globale Zukunft für Geommu
Das wachsende Interesse an koreanischer Kultur macht sich inzwischen auch im Bereich Geommu bemerkbar. Laut Sohyun melden sich zunehmend Menschen aus dem Ausland, die die Kunstform kennenlernen oder selbst erlernen möchten.
Um den Zugang zu erleichtern, arbeitet ihr Team derzeit an Online-Bildungsprogrammen, die Geommu weltweit zugänglicher machen sollen.
Langfristig hofft sie, dass Geommu nicht nur als traditionelle koreanische Kunst wahrgenommen wird, sondern als eigenständige Performance-Kunstform internationale Anerkennung findet.
„Ich hoffe, dass Geommu künftig nicht nur als traditionelle koreanische Kunst wahrgenommen wird, sondern weltweit als Performance-Kunst und kulturelle Ausdrucksform Anerkennung findet“, sagte sie.
Durch Aufführungen, Bildungsangebote und kreative Kooperationen arbeitet Sohyun weiterhin daran, koreanischen Schwerttanz über traditionelle Bühnen hinaus sichtbar zu machen. Ihr Ziel ist es, dass Geommu nicht nur als kulturelles Erbe bewahrt wird, sondern sich als lebendige und sich weiterentwickelnde Kunstform etabliert – sowohl in Korea als auch auf internationalen Bühnen.
Dieser Artikel wurde von einem Korea.net-Ehrenberichterstatterin verfasst. Unsere ehrenamtlichen Reporter kommen aus der ganzen Welt und teilen ihre Liebe und Leidenschaft über alle Dinge in Korea.
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