Der deutsche Literaturübersetzer Jan Dirks lebt und arbeitet seit vielen Jahren in Korea (Links: Porträtfoto, Seoul, 18. Mai 2025). Neben seiner Tätigkeit als Dozent übersetzt er koreanische Literatur ins Deutsche und macht sie einem deutschsprachigen Publikum zugänglich (Rechts: Bei der Übersetzungsarbeit in seinem privaten Büro in Seoul, 1. Juli 2026) © Jan Dirks
Von Ehrenberichterstatterin Jasmin Mikolay aus Deutschland
Die Seoul International Book Fair 2026 fand vom 24. bis 28. Juni im COEX Convention & Exhibition Center in Seoul statt. Erneut zog Koreas größte Buchmesse zahlreiche Besucher:innen aus dem In- und Ausland an und unterstrich das wachsende internationale Interesse an koreanischer Literatur.
Auch im deutschsprachigen Raum finden sich heute immer mehr Werke koreanischer Autor:innen in den Buchhandlungen und erreichen eine wachsende Leserschaft. Einen wichtigen Beitrag dazu leisten literarische Übersetzer:innen. Sie machen koreanische Literatur für deutschsprachige Leser:innen erlebbar und bewahren dabei die sprachlichen und kulturellen Besonderheiten der Werke.
Einer von ihnen ist der deutsche Literaturübersetzer Jan Henrik Dirks. Im schriftlichen E-Mail-Interview mit der deutschen Korea.net-Ehrenberichterstatterin Jasmin Mikolay gibt er Einblicke in seinen ungewöhnlichen Werdegang. Außerdem erläutert er die Herausforderungen beim Übersetzen koreanischer Literatur und teilt seine Wünsche für die Zukunft des literarischen Austauschs zwischen Korea und Deutschland. Das Interview wurde zwischen dem 25. Juni und dem 2. Juli 2026 geführt.
– Könnten Sie sich unseren Leser:innen bitte kurz vorstellen?
Mein Name ist Jan Dirks. Ich unterrichte an der Abteilung für Europäische Sprachen und Literatur der Gachon University in Seongnam sowie an der Translation Academy des Literature Translation Institute of Korea in Seoul. Außerdem bin ich freier Mitarbeiter beim deutschen Programm von KBS World Radio.
Mein Interesse an der koreanischen Sprache und Kultur entstand Ende der 1990er-Jahre während meines Studiums in Hamburg durch koreanische Kommilitonen an der Musikhochschule. Im Jahr 2000 habe ich an einem Koreanischprogramm mit einem sechsmonatigen Aufenthalt in Seoul teilgenommen und später Koreanistik in Hamburg studiert. 2005 bin ich zur Promotion in Theaterwissenschaft an die Seoul National University gegangen. Seitdem lebe und arbeite ich in Korea.
– Wie sind Sie zur Literaturübersetzung gekommen?
Eher durch Zufall. Nach dem Abschluss im Jahr 2010 wurde ich gefragt, ob ich kurzfristig Übersetzungskurse am LTI Korea übernehmen könne, obwohl ich selbst noch keine Erfahrung als Literaturübersetzer hatte. Ich verfügte jedoch über ausreichende Koreanischkenntnisse und hatte seit meiner Kindheit ein ausgeprägtes Interesse an sprachlichen Strukturen und Ästhetik.
Während dieser Arbeit stieß ich 2013 auf ein Werk, das mich so faszinierte, dass ich den starken Impuls verspürte, es selbst zu übersetzen: den Avantgarde-Roman „Vaseline-Buddha“ von Jung Young Moon. Mehr als ein Jahr lang habe ich mich ausgiebig mit diesem Werk beschäftigt. Dass ich anschließend einen Verlag und einen hervorragenden Lektor gefunden habe, war ein großes Glück. Ohne dieses Projekt wäre ich wahrscheinlich nicht dauerhaft Übersetzer geworden.
– Was fasziniert Sie persönlich an der koreanischen Sprache und Literatur?
Mich faszinieren unabhängig vom kulturellen Umfeld drei Dinge: Wie funktioniert Sprache? Wie funktionieren Kultur und Gesellschaft? Und vor allem: Wie ticken Menschen? All diese Fragen kommen in der Literatur zusammen, und da ich in Korea lebe, ist es nur natürlich, dass ich mich mit koreanischer Literatur beschäftige.
Die koreanische Sprache neigt zu semantischer Offenheit und Kontextgebundenheit. Sie hat etwas sehr Bodenständiges und Lebensnahes und bringt konkrete emotionale und intuitive Eindrücke oft farbiger und unmittelbarer zum Ausdruck als das Deutsche. Das gefällt mir.
– Welche sprachlichen und kulturellen Herausforderungen begegnen Ihnen bei der Übersetzung koreanischer Literatur ins Deutsche? Gibt es Begriffe oder Konzepte, die sich besonders schwer übertragen lassen?
Es gibt zahlreiche sprach- und kulturspezifische Schwierigkeiten. Besonders oft beschäftige ich mich mit der Frage, wie Figuren einander im Deutschen anreden würden, denn das definiert ihre Beziehung zueinander.
Im Koreanischen gibt es bekanntlich unzählige Nuancen der Anrede. Jede Verbkonjugation drückt ein zwischenmenschliches, meist hierarchisches Verhältnis aus. Im Deutschen haben wir dagegen außer „du“ und „Sie“ nicht viel zu bieten. Wenn sich in einer Geschichte etwa ein älterer Kommilitone beschwert, dass ein jüngerer ihn nicht in der gebührenden Höflichkeitsform anspricht, wird es schwierig. Auch lautmalerische Begriffe oder Wortspiele, die auf Gleichklang beruhen, stellen häufig eine Herausforderung dar.
Man sollte aber schon bei scheinbar einfachen Begriffen vorsichtig sein. Das koreanische Wort „san“ (kor. 산) entspricht je nach Kontext eher dem deutschen Konzept von „Wald“ als dem von „Berg“. Auch bedeutet „bam“ (kor. 밤) meist eher „Abend“ als „Nacht“. Und ob ein deutscher Leser bei „Reis“ wirklich dieselbe Vorstellung hat wie ein Koreaner bei „bap“ (kor. 밥), ist ebenfalls fraglich.
Besonders schwierig sind Anrede- und Höflichkeitsformen. Ein Wort wie „hyeong“ (kor. 형), eine Anredeform zwischen Männern, übersetze ich je nach Kontext mal mit „großer Bruder“, mal mit „Kumpel“, mal mit „Du, hör mal“, und mal lasse ich es weg und versuche es über den allgemeinen Ton des Dialogs auszudrücken. Das muss man von Fall zu Fall entscheiden.
– Wie gehen Sie bei einer Übersetzung konkret vor? Wie gelingt Ihnen dabei die Balance zwischen Originaltreue und guter Lesbarkeit?
Zunächst hilft es, beides nicht als Widerspruch zu sehen. Eine Übersetzung, die dem Wortlaut des Originals streng folgt, aber sperrig und schlecht lesbar ist, wäre keineswegs originalgetreu. Gute Lesbarkeit ist Teil der Bemühung um Originaltreue. Ich gehe beim Übersetzen so vor: Ich betrachte den koreanischen Satz als Ganzes, verinnerliche ihn und versuche dann, ihn vom Gefühl her im Deutschen nachzumachen. Anschließend prüfe ich, ob alle entscheidenden Bedeutungsbestandteile des Originals auch in der Übersetzung enthalten sind. So vermeide ich, an koreanischen Grammatikstrukturen hängen zu bleiben, die im Deutschen unnatürlich wirken würden.
Jan Henrik Dirks diskutiert beim LTI Korea Global Literature Forum 2025 über die internationale Vermittlung koreanischer Literatur (Seoul, 4. Juli 2025) © LTI Korea
– Was können deutschsprachige Leser:innen durch koreanische Literatur über Korea kennenlernen?
Grundsätzlich nahezu alles, je nachdem, wofür man sich interessiert. Durch die Figuren und ihr Umfeld erfährt man viel über familiären, schulischen, beruflichen und gesellschaftlichen Alltag in Korea und über das damit verbundene Lebensgefühl. Viele Werke liefern gesellschaftliche Stimmungsbilder ihrer Zeit. Wer sich für bestimmte Entwicklungen der koreanischen Gesellschaft interessiert, sollte koreanische Literatur der jeweiligen Epoche lesen. Derzeit scheinen Bücher über weibliche Emanzipation, Materialismus und das Gefühl der Perspektivlosigkeit der jungen Generation besonders im Trend zu liegen.
– Wie hat sich das Interesse an koreanischer Literatur und Kultur in Deutschland verändert?
Das Interesse an Korea ist in den vergangenen Jahren enorm gewachsen. Begonnen hat es vor etwa fünfzehn Jahren mit dem K-Pop-Hype, der dann auch andere Bereiche der Unterhaltungsindustrie mitgezogen hat, zuletzt auch die Literatur, die ebenfalls unter dem K-Label vermarktet wurde. Auch Han Kangs Literaturnobelpreis wäre ohne diese Grundlage kaum denkbar gewesen. Auffällig ist außerdem das gegenwärtige Interesse an sogenannter „Healing Fiction“, die auch mir einige Aufträge beschert hat. Auch koreanische Genreliteratur wie Science-Fiction, Krimis und Thriller war vor einigen Jahren in Deutschland noch kaum zu finden. Erfreulich an dieser Gesamtentwicklung ist, dass die kulturellen Koreakenntnisse der deutschen Leserschaft gewachsen sind. Heute braucht man beispielsweise anders als früher keine Fußnote mehr zu schreiben, um Wörter wie „Kimchi“ oder „Soju“ zu erklären.
– An welchen Projekten arbeiten Sie derzeit?
Im August erscheint der Roman Jae-yeons Reise ans Meer von Kim Ho-yeon, eine spannende und zugleich gefühlvolle Geschichte im Roadmovie-Stil, deren Übersetzung mir viel Freude bereitet hat. Im Januar nächsten Jahres folgt Drei Frauen trinken Soju und reden von Kim Yiseol, ein Roman über drei Frauen in der Midlife-Crisis. Im April erscheint schließlich Geschmack der Mandarinen von Cho Nam-joo, das die wechselvolle Freundschaft von vier Schülerinnen erzählt. Darüber hinaus arbeite ich derzeit an Übersetzungen von Erzählungen von Cho Hae-il aus den 1970er-Jahren sowie von Kim Dong-ris Werken aus den 1930er-Jahren, in denen markante, raue Männerfiguren im Mittelpunkt stehen.
Jan Henrik Dirks (vorne rechts) mit den Studierenden der Translation Academy des Literature Translation Institute of Korea bei der Aufnahmefeier 2025 (Seoul, 22. August 2025) © LTI Korea
– Was wünschen Sie sich für die Zukunft des literarischen Austauschs zwischen Korea und Deutschland?
Zunächst wäre ich glücklich, wenn überhaupt noch Bücher gelesen werden und das Buch dem Smartphone noch eine Weile Paroli bieten kann. Sonst stellt sich die Frage eines literarischen Austauschs bald nicht mehr.
Meine persönliche Hoffnung ruht besonders auf Koreanistik-Studierenden, die Freude am Lesen haben und sich intensiv mit koreanischer Literatur und der Herausforderung des Übersetzens beschäftigen möchten. Ab September 2027 kann man dies am LTI Korea erstmals im Rahmen eines regulären Masterstudiengangs studieren, und zwar koreanische und deutsche Muttersprachler gemeinsam. Das ist eine produktive Form des Austauschs, auf die ich mich sehr freue.
– Wir bedanken uns herzlich bei Jan Dirks für das ausführliche Interview und wünschen ihm viel Erfolg bei seinen kommenden Übersetzungsprojekten.
Koreanische Gegenwartsliteratur, Bestseller und literarische Klassiker erreichen heute Leser:innen auf der ganzen Welt. Übersetzer:innen wie Jan Dirks leisten dazu einen wichtigen Beitrag. Sie übertragen nicht nur Texte, sondern vermitteln auch die sprachlichen und kulturellen Feinheiten, die koreanische Literatur so einzigartig machen.
Dieser Artikel wurde von einer Korea.net-Ehrenberichterstatterin verfasst. Unsere ehrenamtlichen Reporter kommen aus der ganzen Welt und teilen ihre Liebe und Leidenschaft über alle Dinge in Korea.
dlektha0319@korea.kr