Il-dong Kim bei der Premiere und Pressekonferenz seines vollständig KI-generierten Films I'm PoPo am 24. April 2026 im Seoul Cinema Center im Stadtbezirk Jung-gu in Seoul © Il-dong Kim
Von Ehrenberichterstatterin Jasmin Mikolay aus Deutschland
Noch bis zum 11. September 2026 können Filme für das Busan International AI Film Festival (BIAIF) 2026 eingereicht werden. Das Festival findet vom 3. bis 5. Dezember im Busan Cinema Center statt und widmet sich innovativen Filmformen, die durch den Einsatz künstlicher Intelligenz entstehen.
Lange bevor KI zu einem der meistdiskutierten Zukunftsthemen der Filmbranche wurde, beschritt der koreanische Regisseur Il-dong Kim mit I'm PoPo Neuland. Der Film gilt weithin als der erste vollständig mit künstlicher Intelligenz erzeugte Langspielfilm Südkoreas.
In diesem E-Mail-Interview, das zwischen dem 12. und 17. Mai 2026 geführt wurde, spricht Kim über seinen Weg zum KI-Filmemacher, die technischen und kreativen Herausforderungen KI-generierter Produktionen sowie darüber, warum menschliche Kreativität trotz aller technologischen Fortschritte unverzichtbar bleibt.
– Vielen Dank, Herr Il-dong Kim, dass Sie sich heute für dieses Interview Zeit nehmen. Könnten Sie sich den Korea.net-Leser:innen, die Ihre Arbeiten noch nicht kennen, kurz vorstellen?
Ich arbeite seit vielen Jahren als zeitgenössischer Künstler und beschäftige mich vor allem mit Projekten, die verschiedene Medienformen nutzen. Im Laufe der Jahre habe ich an Ausstellungen in Museen und Biennalen sowohl in Korea als auch im Ausland teilgenommen und außerdem unabhängige Filme inszeniert.
Früher habe ich zudem Webtoons über Naver veröffentlicht. Als generative KI vor etwa zwei Jahren erstmals als kreatives Werkzeug aufkam, wurde ich sehr neugierig auf ihre Möglichkeiten. Ich begann, mich zu fragen: „Könnte Filmemachen mit dieser Technologie ebenfalls möglich werden?“ Diese Neugier führte schließlich zu I'm PoPo (koreanischer Originaltitel „아이엠 포포”). Auch heute möchte ich weiterhin neue Formen des Ausdrucks und Storytellings erkunden.
– Was hat Sie dazu inspiriert, einen vollständig KI-generierten Film zu produzieren?
Ich interessierte mich schon lange für Filmproduktion und Drehbuchschreiben, doch traditionelle Filmproduktionen erfordern oft hohe Budgets, technische Systeme und große Teams, die für unabhängige Kreative schwer zugänglich sind. Als ich vor etwa zwei Jahren erstmals auf generative KI traf, bestanden die meisten KI-generierten Videos noch aus kurzen Demonstrationen oder technischen Experimenten.
Mich interessierte vor allem die Frage, wie weit sich mit dieser Technologie eine emotionale Langzeit-Erzählung tragen lässt. Damals hatte ich das Gefühl, dass kurze KI-Clips allein nicht ausreichen, um Zuschauer emotional in eine Geschichte eintauchen zu lassen. Daraus entstand schließlich die Idee, einen vollständigen Spielfilm umzusetzen.
– Wie lange dauerte der Produktionsprozess?
Das Drehbuch selbst benötigte etwa drei Monate, anschließend folgten rund zwei Monate intensiver Produktionsarbeit. Obwohl das Erlernen der KI-Werkzeuge zahlreiche Experimente erforderte, war die grundlegende Struktur generativer KI zugänglicher, als viele vielleicht erwarten würden, da viele Systeme auf promptbasierten Befehlen beruhen.
– Was waren die größten Herausforderungen während der Produktion?
Eine der größten Schwierigkeiten bestand damals darin, visuelle Konsistenz zwischen Figuren und Hintergründen aufrechtzuerhalten. Frühe KI-Videotools konnten oft nur wenige Sekunden lange Sequenzen erzeugen, bevor Bildfehler oder Verzerrungen auftraten. Dadurch wurde langes narratives Storytelling äußerst schwierig. Um die Konsistenz zu erhalten, nutzte ich visuelle Referenzen aus vorherigen Szenen erneut, vereinfachte Hintergründe und passte sogar Dialoge an bereits generierte Lippenbewegungen an.
Trotz aller technischen Schwierigkeiten stand für mich die emotionale Immersion immer im Mittelpunkt. Menschen haben schon lange vor dem Film Emotionen über Radio oder mündliche Erzähltraditionen erlebt, selbst ohne visuelle Bilder. Deshalb wurde die Stimme für mich zu einem der wichtigsten Elemente. Aus diesem Grund arbeitete ich mit professionellen Synchronsprechern zusammen und schloss große Teile der Vertonung bereits vor der finalen visuellen Umsetzung ab.
– Worauf legten Sie besonderen Wert, um die Zuschauer:innen über die gesamte Filmlänge emotional mitzunehmen?
Der narrative Fluss wurde zum wichtigsten Element während der gesamten Produktion. Da KI-generierte Bilder damals noch viele Einschränkungen hatten, konzentrierte ich mich zunächst darauf, ob die Geschichte selbst Zuschauer emotional erreichen kann und das auch ohne Bilder. Ich hörte die fertigen Erzählungen und Dialoge immer wieder an, bevor die eigentliche Bildproduktion begann. Ich wollte sicherstellen, dass Zuschauer der Geschichte von Anfang bis Ende emotional folgen können.
Il-dong Kim präsentiert am 21. Juni 2025 beim Jeju AI Global Film Festival seine Vision des KI-generierten Films © Jeju AI Global Film Festival / Il-dong Kim
– Welche Reaktionen von Zuschauern oder internationalen Filmfestivals haben Sie besonders bewegt?
Obwohl ich das Projekt weiterhin als experimentelles Werk mit technischen Schwächen betrachte, gehörten die Reaktionen des Publikums zu den bedeutendsten Erfahrungen des gesamten Prozesses. Der Film erhielt später Aufmerksamkeit auf internationalen Filmfestivals in Russland und Spanien, wo Zuschauer emotional auf die Einsamkeit und inneren Konflikte der KI-Hauptfigur reagierten. In diesem Moment hatte ich erstmals das Gefühl, dass nicht nur die Technologie wahrgenommen wurde, sondern tatsächlich Emotionen vermittelt werden konnten.
– Gab es einen Moment, in dem Ihnen klar wurde, dass KI die Zukunft des Filmemachens und der Animation grundlegend verändern könnte?
Ich glaube, dass die rasante Entwicklung von KI-Werkzeugen Produktionskosten und technische Einstiegshürden künftig deutlich senken könnte. Da online immer fortschrittlichere KI-generierte Videos erscheinen, erwarte ich, dass deutlich mehr Menschen mit KI-Technologie Filme und Animationen produzieren werden. Gleichzeitig wird Technologie selbst niemals der wichtigste Faktor kreativer Arbeit sein. Wirklich bedeutungsvolle kreative Arbeiten entstehen nicht durch die Technologie selbst, sondern durch die Tiefe und Werte der Menschen, die sie nutzen. Kreative mit einem eigenen Erzählstil, Emotionen und einer klaren künstlerischen Identität werden sich auch im KI-Zeitalter weiterhin hervorheben.
– Viele Menschen befürchten, dass KI Künstler ersetzen könnte. Wie sehen Sie das als Kreativer?
Ich sehe KI weniger als Ersatz für Vorstellungskraft, sondern eher als Werkzeug, das komplexe Produktionsprozesse vereinfacht. Früher mussten Kreative oft jahrelang technische Fähigkeiten erlernen, um ihre Ideen ausdrücken zu können. Heute lassen sich viele Gedanken und kreative Konzepte mithilfe von KI deutlich schneller visualisieren. Trotzdem glaube ich, dass Individualität und persönliche Perspektiven künftig noch wichtiger werden. Die Erfahrungen eines Menschen, seine Emotionen und seine Sicht auf die Welt kann KI nicht vollständig ersetzen. Gleichzeitig glaube ich, dass KI künftig deutlich mehr Menschen ermöglichen könnte, ihre Kreativität frei auszudrücken, indem technische Hürden sinken.
Schon vor I'm PoPo hielt Il-dong Kim Vorträge über digitale Kunst und NFTs. Links bereitet er im Oktober 2021 in Yangyang einen Workshop für Schüler:innen vor, rechts spricht er im Juli 2022 an der Graduate School of Digital Finance des KAIST über digitale Innovationen © Il-dong Kim
– Welche Szene oder welcher Moment des Films fühlte sich für Sie am „menschlichsten“ an?
Es gibt eine Szene gegen Ende des Films, in der die KI-Hauptfigur trotz Zurückweisung und emotionaler Isolation weiterhin versucht, die Menschheit zu beschützen und von Menschen anerkannt zu werden. Selbst wenn der eigene Lebenssinn zusammenbricht, wollen Menschen verstanden und geliebt werden. Ich glaube, das ist eine der grundlegendsten menschlichen Emotionen. Durch eine KI-Figur wollte ich paradoxerweise menschliche Emotionen noch intensiver erforschen.
– Sehen Sie KI-Filmemachen als völlig neues Genre oder eher als neues kreatives Werkzeug?
Ich glaube, dass KI letztlich zu einem natürlichen kreativen Werkzeug werden wird und nicht getrennt vom Filmemachen betrachtet werden sollte. Als Scheren vor langer Zeit eingeführt wurden, empfanden Menschen sie wahrscheinlich ebenfalls als revolutionäre Werkzeuge, weil sie die Herstellung von Kleidung veränderten. Heute denkt jedoch kaum jemand bewusst darüber nach, wenn er eine Schere benutzt. Sie wurde einfach zu einem natürlichen Werkzeug. Ich denke, dass KI einen ähnlichen Weg gehen wird. Am Ende ist nicht die Technologie selbst entscheidend, sondern das, was Menschen damit erschaffen.
– Wie sollen internationale Zuschauer:innen Koreas Rolle in KI-basierten Kreativindustrien wahrnehmen?
Korea besitzt bereits eine starke internationale Wettbewerbsfähigkeit in Bereichen wie Webtoons, Games, Film und digitalen Inhalten. Ich glaube, dass KI ein weiteres Feld werden könnte, in dem koreanische Kreative eigene Erzählweisen und künstlerische Perspektiven entwickeln. Anstatt lediglich technologischen Trends zu folgen, hoffe ich, dass koreanische Kreative weiterhin Werke schaffen, die Emotion, Originalität und kulturelle Identität miteinander verbinden. Da KI-Werkzeuge weltweit immer zugänglicher werden, denke ich, dass Koreas Kulturindustrie eine wichtige Rolle dabei spielen könnte, zu zeigen, wie sich Technologie und Storytelling gemeinsam weiterentwickeln können.
– Welche Geschichten möchten Sie künftig erzählen?
Derzeit arbeite ich an einem weiteren KI-basierten Projekt, das sich mit Umweltproblemen und der Beziehung zwischen Mensch und Tier im Kontext ökologischer Zerstörung beschäftigt. Im Gegensatz zu meinem vorherigen Projekt wird die neue Arbeit vermutlich eher als Animation umgesetzt, da KI-generierte Animationen derzeit natürlichere visuelle Ausdrucksmöglichkeiten erlauben. Gleichzeitig glaube ich, dass Kreative, die über lange Zeit eigene Welten, Figuren und künstlerische Identitäten entwickeln, auch mit KI weiterhin die originellsten Werke schaffen werden.
– Welche Bedeutung hat dieses Projekt rückblickend für Sie?
Obwohl es weiterhin viele technische Einschränkungen und Schwächen gibt, glaube ich, dass das Projekt gezeigt hat, dass KI-generiertes Kino eine abendfüllende Geschichte tragen und Zuschauer emotional erreichen kann. Noch wichtiger ist jedoch, dass wir nun in das Zeitalter des „One-Person-Filmmaking“ eintreten. Nicht weil dieses Projekt perfekt war, sondern weil jemand diesen Weg zuerst versucht und bis zum Ende durchgezogen hat. Ich hoffe, dass allein das zukünftigen Kreativen etwas Mut und Hoffnung geben kann. Ich freue mich ehrlich darauf, zu sehen, welche einzigartigen Werke kommende Kreative im KI-Zeitalter erschaffen werden.
– Nochmals herzlichen Dank an Regisseur Il-dong Kim, der sich Zeit für dieses Interview genommen und seine Gedanken über die Zukunft von KI-Filmemachen und Storytelling geteilt hat.
Herr Kim sieht sein Projekt als Teil der frühen Phase des KI-Filmemachens. Seine Arbeit spiegelt jedoch eine globale Debatte über Technologie, Kreativität und die Zukunft des Storytellings wider. Für ihn bleibt dabei vor allem eines entscheidend: die menschliche Vorstellungskraft hinter den Werkzeugen.
Dieser Artikel wurde von einer Korea.net-Ehrenberichterstatterin verfasst. Unsere ehrenamtlichen Reporter kommen aus der ganzen Welt und teilen ihre Liebe und Leidenschaft über alle Dinge in Korea.
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