Ehrenberichterstatter

03.09.2026

Korea.net in 11 Sprachen
  • 한국어
  • English
  • 日本語
  • 中文
  • العربية
  • Español
  • Français
  • Deutsch
  • Pусский
  • Tiếng Việt
  • Indonesian
Susanne Kim und ihr Ehemann Jeong Rae Kim stehen sich in einer inszenierten Szene aus „Becoming Kim“ gegenüber. Filmstill, zur Verfügung gestellt am 17. August 2026 in Leipzig

Susanne Kim und ihr Ehemann Jeong Rae Kim stehen sich in einer inszenierten Szene aus „Becoming Kim“ gegenüber. Filmstill, zur Verfügung gestellt am 17. August 2026 in Leipzig



Von Ehrenberichterstatterin Jasmin Mikolay aus Deutschland | Fotos: Neufilm

Mit dem 18. DMZ International Documentary Film Festival vom 10. bis 16. September und dem 31. Busan International Film Festival (BIFF) vom 6. bis 15. Oktober stehen in Korea zwei Höhepunkte des diesjährigen Filmfestival-Kalenders bevor. Ein deutsch-koreanischer Dokumentarfilm, der bereits zuvor sein Publikum auf koreanischen Festivals gefunden hat, ist „Becoming Kim“ von Susanne Kim. Nach seiner Weltpremiere am 3. Mai beim Jeonju International Film Festival und als Eröffnungsfilm des Chuncheon Film Festivals im Juni ist er seit dem 27. August 2026 auch in ausgewählten deutschen Kinos zu sehen.

Die Leipziger Regisseurin richtet darin die Kamera auf ihre eigene deutsch-koreanische Familie und ihre Ehe mit Jeong Rae Kim. Die persönliche Geschichte öffnet zugleich den Blick auf größere Fragen nach Familie, kultureller Zugehörigkeit und einem Leben zwischen Deutschland und Korea. Korea begleitet den Film dabei seit seiner Entstehung: Die deutsch-koreanische Koproduktion wurde bereits in ihrer Entwicklungsphase beim koreanischen Dokumentarfilmprogramm K-DOCS präsentiert.

Anlässlich des deutschen Kinostarts sprach Korea.net-Ehrenberichterstatterin Jasmin Mikolay am 17. August 2026 in einem Zoom-Gespräch mit Susanne Kim über fünf Jahre Arbeit an „Becoming Kim“, die Zusammenarbeit mit koreanischen Filmschaffenden und darüber, wie sich ihr Blick auf Korea durch Familie, persönliche Begegnungen und den gemeinsamen Alltag über die Jahre verändert hat.

Susanne Kim (Mitte, hinter dem Filmposter) mit Team und Familie bei der Premiere von „Becoming Kim“ auf dem Jeonju International Film Festival am 3. Mai 2026 in Jeonju

Susanne Kim (Mitte, hinter dem Filmposter) mit Team und Familie bei der Premiere von „Becoming Kim“ auf dem Jeonju International Film Festival am 3. Mai 2026 in Jeonju


– Für die Leser:innen von Korea.net, die Sie und Ihre Arbeit noch nicht kennen: Wie hat Ihr Weg Sie zur Filmemacherin geführt?

Ich habe zunächst Journalistik und Politikwissenschaft studiert und dachte, dass ich später in Richtung Fernsehen gehen würde. Bei Praktika habe ich aber gemerkt, dass mir dort vieles zu schnell ging. Ich wollte länger bei den Menschen bleiben. Während meines Studiums bin ich deshalb ans European Film College nach Dänemark gegangen. Dort habe ich Filmemacher:innen entdeckt, die mich geprägt haben, und den Ansatz kennengelernt, Filme wirklich aus tiefstem Herzen heraus zu machen. Danach entstanden meine ersten Kurzfilme. Seitdem arbeite ich vor allem dokumentarisch.

– Bei „Becoming Kim“ wird Ihre eigene deutsch-koreanische Familie zum Gegenstand des Films. Was war der Auslöser dafür?

Es gab tatsächlich dieses Telefonat, das ich auch im Film erzähle. Mein Mann Jeong Rae sagte, dass es eine gute Idee wäre, mit seiner Mutter in Wonju einen Hähnchengrill zu eröffnen. Daraufhin habe ich gesagt: „Dann mache ich jetzt einen Film.“ Das war zunächst ein bisschen ein Witz, aber gleichzeitig auch nicht. Mich interessierte, was hinter dieser Entscheidung steckt und was sie mit unserer Familienstruktur zu tun hat. Woher kommen bestimmte Vorstellungen und Entscheidungen? Ich wollte das filmisch erforschen. Dass ich selbst vor der Kamera stehen und meine Familie dokumentarisch einbeziehen würde, war ursprünglich überhaupt nicht geplant.

– Sie haben Ihre Familie rund fünf Jahre lang begleitet. Wo ziehen Sie bei einem so persönlichen Film die Grenze zwischen Nähe und Privatsphäre?

Für mich gibt es einen Unterschied zwischen „persönlich“ und „privat“. Wir haben ungefähr fünf Jahre gedreht, und daraus entstehen 90 Minuten Film. Niemand kennt danach einen Menschen oder eine Familiengeschichte vollständig. Man muss zwischen dem realen Menschen und dem filmischen Charakter unterscheiden. Teilweise haben wir während Corona, im Lockdown oder in Quarantäne gedreht. Die Kamera war für mich in dieser Zeit manchmal auch eine Art Schutzschild, weil sie mir einen gewissen Abstand zur Situation ermöglicht hat.

Meine größte Sorge galt allerdings meiner Tochter. Sie war ungefähr zwölf, als wir anfingen, und ist inzwischen fast 18. Ich war sehr erleichtert, dass sie mit dem Film leben kann. Ich wollte aber kein persönliches Tagebuch drehen. Ich hoffe, dass andere Menschen darin Anknüpfungspunkte finden, unabhängig davon, ob sie selbst in einer binationalen Ehe leben oder nicht.

– Als deutsch-koreanische Koproduktion sollte „Becoming Kim“ in beiden Ländern funktionieren. Welche Rolle spielte die koreanische Perspektive bei der Entstehung des Films?

Wir hatten koreanische Produzentinnen und auch eine koreanische Co-Editorin. Das war mir sehr wichtig, weil wir beide Perspektiven in den Film einbringen wollten. Auch die Dreharbeiten waren anders. In Deutschland arbeite ich meistens mit einem sehr kleinen Team. In Korea wurde ein größeres Produktionsteam organisiert. Besonders schön erinnere ich mich an eine Tanzszene mit meiner Schwiegermutter und ihren Freundinnen im Dorf. Danach haben wir alle gemeinsam gegessen, fast wie bei einem kleinen Dorffest. Es entstand das Gefühl, nicht nur zum Drehen zu kommen, sondern auch etwas zurückzugeben.

Susanne Kim (Mitte, in rotem Oberteil) mit Team, Familie und Ganggangsullae-Tänzerinnen in Wonju am 10. August 2024

Susanne Kim (Mitte, in rotem Oberteil) mit Team, Familie und Ganggangsullae-Tänzerinnen in Wonju am 10. August 2024


– Ihr persönlicher Zugang zu Korea führt stark nach Gangwon und ins ländliche Korea. Welches Korea haben Sie dort kennengelernt?

Ich verbinde Korea sehr stark mit Gangwon, der Provinz, in der meine Schwiegermutter lebt, mit dieser Landschaft und dem ländlichen Leben und eben nicht nur mit Seoul. Ich mag diese älteren Damen, die durchs Dorf laufen, Makgeolli und diese ganze Atmosphäre. Das ist für mich Korea, weil ich es durch meine Familie kennengelernt habe. Was ich in Deutschland definitiv vermisse, ist das Essen. Ich liebe die koreanische Küche. Selbst an kleinen Imbissen bekommt man oft unglaublich gutes Essen. Manchmal hat man gefühlt gerade zu Mittag gegessen und denkt schon darüber nach, was es zum Abendessen gibt. Aber das Essen ist großartig.

– Gibt es neben dem Essen etwas am koreanischen Alltag oder Miteinander, das Sie über die Jahre besonders schätzen gelernt haben?

In Korea nehme ich stärker wahr, dass man versucht, anderen nicht zu nahe zu treten oder Konflikte zu vermeiden. Dazu passt für mich auch das Konzept Nunchi. Mein Mann hat einmal gesagt, der häufigste Satz, den er in Deutschland hört, sei: „Das Problem ist …“. Ich glaube tatsächlich, dass wir Deutschen sehr zum Problematisieren neigen. Vieles muss diskutiert, ausgehandelt und ausgesprochen werden. Natürlich ist das eine Pauschalisierung und Menschen sind unterschiedlich. Aber diese verschiedenen Arten der Kommunikation finde ich sehr spannend. Sie spielen auch im Film eine Rolle.

– Der Film hat seine Weltpremiere in Korea gefeiert. Welche Reaktionen des koreanischen Publikums sind Ihnen besonders in Erinnerung geblieben?

Besonders spannend fand ich die Reaktionen junger koreanischer Frauen. Einige kamen nach den Screenings zu mir und sagten, dass sie den Film gerne mit ihren Müttern sehen würden. Meine koreanische Produzentin meinte irgendwann, dass ich für einige vielleicht ein bisschen zu einem „Role Model“ geworden sei, weil Frauen meiner Generation in Korea bestimmte Dinge möglicherweise weniger offen ansprechen. Das fand ich interessant. In Deutschland habe ich eher das Gefühl, dass sich Frauen meiner Generation von den Themen angesprochen fühlen, während es in Korea teilweise ein jüngeres Publikum ist. Wir hoffen natürlich sehr, dass der Film auch regulär in koreanische Kinos kommt.

Eröffnung des Chuncheon Film Festivals in Chuncheon am 24. Juni 2026 mit „Becoming Kim“ als Eröffnungsfilm

Eröffnung des Chuncheon Film Festivals in Chuncheon am 24. Juni 2026 mit „Becoming Kim“ als Eröffnungsfilm


– Der Titel „Becoming Kim“ klingt nach Zugehörigkeit. Sie sagen selbst, eigentlich könnte dahinter ein Fragezeichen stehen: „Becoming Kim“? Was bedeutet „Kim werden“ für Sie persönlich?

Ich hieß ursprünglich Schulz. Irgendwann sagte ich zu meinem Mann, dass ich meinen Namen ändern möchte. Seine Antwort war: „Welcome to my family.“ Das fand ich sehr schön, und dann wurde ich Kim. Aber eigentlich könnte hinter dem Titel auch ein Fragezeichen stehen: „Becoming Kim“? Ich glaube nicht, dass man sich vollständig in eine andere Kultur hineinfühlen kann.

Ich glaube auch, dass das gar nicht notwendig ist. In einer binationalen Beziehung wird wahrscheinlich keiner vollständig beim anderen „ankommen“. Mein Mann und ich haben uns schließlich nicht kennengelernt, weil wir unbedingt eine interkulturelle Beziehung führen wollten. Wir haben uns als Menschen getroffen und dachten: große Liebe, alles schön. Diesen ganzen „Cultural Clash“ hatten wir nicht mit eingerechnet. Der kam später dazu.

– Wenn Sie jemandem nicht das touristische Korea, sondern „Ihr Korea“ zeigen könnten, wohin würden Sie ihn mitnehmen?

Wenn ich jemanden sehr gern mag, würde ich ihn wahrscheinlich mit zu meiner Familie ins Dorf nehmen. Ich mag das ländliche Korea sehr. Aber Busan finde ich ebenfalls wunderschön. Jeonju kann ich gerade während des Filmfestivals sehr empfehlen. Die ganze Stadt feiert dieses Festival. Und ich selbst habe längst noch nicht alles gesehen. Nach Jeju möchte ich zum Beispiel unbedingt noch. Generell würde ich empfehlen, auch einmal abseits der großen Städte unterwegs zu sein und sich auf das ländliche Korea einzulassen.

Susanne Kim im Hühnerkostüm in Wonju: Mit humorvollen und poetischen Selbstinszenierungen setzt „Becoming Kim“ den ernsteren Momenten der deutsch-koreanischen Familiengeschichte spielerische Akzente entgegen; Filmstill zur Verfügung gestellt am 17. August 2026 in Leipzig

Susanne Kim im Hühnerkostüm in Wonju: Mit humorvollen und poetischen Selbstinszenierungen setzt „Becoming Kim“ den ernsteren Momenten der deutsch-koreanischen Familiengeschichte spielerische Akzente entgegen; Filmstill zur Verfügung gestellt am 17. August 2026 in Leipzig


– Was wünschen Sie sich, dass nach „Becoming Kim“ bei den Zuschauer:innen bleibt?

Ich möchte gar nicht vorgeben, was jemand aus meinen Filmen mitnehmen soll. Ich hoffe vielmehr, dass Menschen Stellen finden, an denen sie sich selbst wiedererkennen, vielleicht Frauen in meinem Alter, Menschen aus binationalen Familien oder Menschen mit ganz anderen Erfahrungen. Und ich hoffe, dass ein paar Bilder im Gedächtnis bleiben. Wir sehen heute so viele Filme und Bilder. Wenn zwei oder drei davon überleben, ist das schon viel.

„Becoming Kim“ Kim eröffnet einen persönlichen Blick auf Korea, der durch Familie, Alltag und jahrelange Verbundenheit gewachsen ist. Von Gangwon bis Jeonju zeigt sich dabei ein Korea jenseits der bekannten Metropolen, geprägt von Begegnungen, Gemeinschaft und gelebtem Miteinander. Susanne Kims Geschichte macht vor allem eines deutlich: Je näher man einer Kultur kommt, desto mehr gibt es in ihr zu entdecken.

Dieser Artikel wurde von einer Korea.net-Ehrenberichterstatterin verfasst. Unsere ehrenamtlichen Reporter kommen aus der ganzen Welt und teilen ihre Liebe und Leidenschaft über alle Dinge in Korea.

dlektha0319@korea.kr