Kim Seul-ong (Mitte) posiert mit Teilnehmern bei der Preisverleihung des Wettbewerbs „Hangeul Gyoyang Gyeorugi 2025“, der im Rahmen von „Urigeul Nasinnal 2025“ am 28. Dezember 2025 in Jung-gu, Seoul, stattfand © Kim Seul-ong
Von Ehrenberichterstatterin Jasmin Mikolay aus Deutschland
Das Jahr 2026 nimmt in der Geschichte des Hangeul eine besondere Stellung ein. Es markiert sowohl den 580. Jahrestag der Verkündung des Hunminjeongeum im Jahr 1446 als auch den 100. Jahrestag der Einführung des Hangeul-Tages. Mit Blick auf den 9. Oktober laden diese beiden Jubiläen dazu ein, eine Schrift neu zu betrachten, die vor fast sechs Jahrhunderten entstand und bis heute weitergegeben, verändert und über die Grenzen Koreas hinaus verbreitet wird
Kim Seul-ong widmet sich dieser Geschichte seit fast 50 Jahren. Der Hangeul- und Hunminjeongeum-Forscher engagiert sich seit seiner Jugend für die koreanische Schrift. 1977, noch als Schüler, begann er, sich intensiv mit ihr auseinanderzusetzen. Heute leitet er das Sejong-Zentrum für koreanische Sprache und Kultur in Seoul und ist als Gastdozent/Visiting Professor an der Hankuk University of Foreign Studies tätig. Seine Forschung beschäftigt sich unter anderem mit dem Hunminjeongeum Haeryebon.
Korea.net-Ehrenberichterstatterin Jasmin Mikolay führte vom 6. bis 9. September ein schriftliches Interview mit Kim über seinen Weg zum Hangeul, offene Fragen aus fast fünf Jahrzehnten Forschung, das wachsende internationale Interesse an der koreanischen Schrift und ihre Zukunft im Zeitalter der künstlichen Intelligenz.
– Wie wurde Hangeul für Sie zu mehr als einer Schrift des Alltags?
1977, in meinem ersten Jahr an der Railway High School, begann ich, an den Aktivitäten der National Federation of High School Students for the Korean Language Movement teilzunehmen, die unter dem Namen „Hangeul Namu“ bekannt war und von dem Lehrer Oh Dong-chun geleitet wurde. Damals hörte Hangeul für mich auf, lediglich eine Schrift zu sein, die man im Alltag benutzt. Es wurde zu einem Wert, den es zu bewahren galt. Durch die Lehren von Choe Hyeon-bae, genannt Oesol, verstand ich, dass Sprache und Schrift Teil des Geistes und des Lebens eines Volkes sind. Diese Erkenntnis spiegelte sich sogar in meinem eigenen Namen wider.
1977 wählte ich selbst den rein koreanischen Vornamen „Seul-ong“, den ich 1983 auch offiziell als meinen Namen eintragen ließ. Damals wusste ich bereits, dass es das Hunminjeongeum Haeryebon gab. Allein der Gedanke, dass irgendwo ein Buch existierte, in dem die Schöpfer des Hangeul selbst die Prinzipien und die Philosophie hinter der Schrift erklärt hatten, ließ mein Herz höherschlagen. Ich nahm mir vor, dieses Werk eines Tages wirklich zu lesen und seine Bedeutung zu erforschen.
– Was fasziniert Sie nach fast 50 Jahren Forschung noch immer?
Mich fasziniert, wie vollständig und schlüssig das System der Erklärungen im Haeryebon ist. Im 15. Jahrhundert wurde darin festgehalten, wie Laute anhand der Form der Sprechorgane dargestellt wurden, wie aus Grundbuchstaben ein System entwickelt wurde und wie die Vokale auf einer Philosophie von Himmel, Erde und Mensch beruhen. Vor Kurzem habe ich mit Forschern aus der medizinischen Bildgebung und Sprachtechnik zusammengearbeitet. Mithilfe von Echtzeit-MRT untersuchten wir, inwieweit die im Haeryebon beschriebenen Prinzipien tatsächlich den Bewegungen der Sprechorgane entsprechen.
Doch Fragen bleiben offen: Auf welchem Weg und durch welche Experimente gelangte König Sejong zu diesen Prinzipien? Wie viel der Philosophie und Wissenschaft des Haeryebon stammt von Sejong selbst und wie viel entstand in Zusammenarbeit mit den Gelehrten des Jiphyeonjeon? Und wer las das Haeryebon nach seiner Veröffentlichung tatsächlich? Da historische Quellen äußerst selten sind, beschäftige ich mich weiterhin mit diesen Fragen.
Kim Seul-ong stellt bei einem Vortrag am 28. Dezember 2025 in Jung-gu, Seoul, Hangeul und dessen Geschichte vor. Als Forscher mit Schwerpunkt auf dem Hunminjeongeum beschäftigt er sich mit der Geschichte, den Prinzipien und der Weitergabe des Hangeul © Kim Seul-ong
– Sie haben Ihren Namen geändert und sich auch für koreanische Begriffe im Alltag eingesetzt. Warum war Ihnen das wichtig?
Sprache lebt nicht in Wörterbüchern, sondern im Mund und in den Händen der Menschen, die sie benutzen. So bedeutend Forschung auch sein mag: Wenn Menschen Wörter nicht in ihrem Alltag verwenden, werden sie zu toten Wörtern. Deshalb setzte ich mich während meiner Universitätszeit beispielsweise dafür ein, „dongari“ anstelle des damals verbreiteten englischen Wortes „circle“ zu verwenden. Heute ist „dongari“ ein ganz selbstverständliches Wort. Das hat mir gezeigt, dass sprachlicher Wandel nicht nur durch Politik von oben entsteht. Er entwickelt sich auch durch die Summe individueller Entscheidungen. Forschung schafft dafür eine Grundlage, und Engagement überträgt sie in das wirkliche Leben.
– Im Ausland wird Hangeul häufig als „wissenschaftlich“ und „leicht zu lernen“ beschrieben. Was geht dabei verloren?
Diese Aussagen sind richtig, aber sie erzählen nur die Hälfte der Geschichte. Der wissenschaftliche Charakter des Hangeul ist ein Ergebnis. Entscheidend ist die Motivation, die zu diesem Ergebnis geführt hat. Im Vorwort zur koreanischen Version des Hunminjeongeum bringt König Sejong sein Mitgefühl für diejenigen zum Ausdruck, die die chinesischen Schriftzeichen nicht beherrschten. In einer Zeit, in der Koreaner ihre eigene Sprache sprachen, aber in klassischem Chinesisch schreiben mussten, sollte eine Schrift entstehen, mit der Menschen ihre Gedanken selbst ausdrücken konnten.
Der grundlegende Wert des Hangeul liegt deshalb für mich noch vor seiner wissenschaftlichen Dimension in der Hinwendung zum Menschen. Ich wünsche mir, dass Menschen außerhalb Koreas Hangeul nicht nur als „leicht zu erlernende Schrift“ wahrnehmen, sondern als eine Schrift, die für Menschen geschaffen wurde und deren Schöpfer sowohl ihre Prinzipien als auch ihre Philosophie dokumentierten.
– Wie hat sich die Wahrnehmung von Hangeul im Ausland verändert?
Als ich jung war, war Hangeul im Ausland vor allem eine Schrift, die Fachleute der Koreastudien kannten. Heute sehen Menschen Hangeul zunächst in K-Pop-Liedtexten, Untertiteln koreanischer Serien oder Kommentaren in sozialen Medien und wollen es anschließend lernen. Die Reihenfolge hat sich vollkommen umgekehrt. Hangeul wird zudem nicht mehr nur als Werkzeug der koreanischen Sprache wahrgenommen, sondern auch als visuelle Kultur, Designelement und Ausdrucksmittel. Hangeul-Kalligrafie, Typografie oder das Schreiben des eigenen Namens in Hangeul sind für viele Menschen zu einem natürlichen Zugang geworden. Als Forscher müssen wir eine Brücke zwischen diesem Interesse und einem tieferen Verständnis der Geschichte und des Geistes des Hunminjeongeum schaffen.
Vor dem Publikum von „Urigeul Nasinnal 2025“ spricht Kim Seul-ong anlässlich des 582. Jahrestags der Entstehung des Hunminjeongeum über das Erbe des Hangeul. Die Veranstaltung fand am 28. Dezember 2025 in Jung-gu, Seoul, statt © Kim Seul-ong
– Sie haben das Projekt „Hangeul 580100“ ins Leben gerufen. Was steckt dahinter?
2026 markiert 580 Jahre seit der Verkündung des Hunminjeongeum im Jahr 1446 und zugleich 100 Jahre seit der Einführung des „Gagyanal“ durch die Korean Language Society im Jahr 1926. Das eine Datum verweist auf die Entstehung der Schrift, das andere auf diejenigen, die einen Tag zu ihrer Bewahrung und Würdigung schufen. Deshalb habe ich den Namen „Hangeul 580100“ gewählt. Das Projekt verbindet die Geschichte der Entstehung des Hangeul mit der Geschichte der Menschen, die sich für seine Bewahrung eingesetzt haben. Durch wissenschaftliche Tagungen, Publikationen, Studienreisen, Mitmachveranstaltungen und internationalen Austausch sollen 580 Jahre Hangeul-Geschichte und 100 Jahre der Hangeul-Bewegung für kommende Generationen und Menschen weltweit zugänglich dokumentiert werden.
– Welche Chancen und Risiken bringt künstliche Intelligenz für Hangeul?
Ich sehe zwei große Chancen. Die erste ist Zugänglichkeit. Übersetzungs- und Spracherkennungstechnologien können Menschen, die bisher durch Sprachbarrieren abgeschreckt wurden, das Lernen und Verwenden von Hangeul erleichtern. Die zweite betrifft die Forschung. So wie wir die Entstehungsprinzipien der Buchstaben mithilfe von MRT untersuchen konnten, könnte KI große Mengen historischer Dokumente lesen und analysieren und dadurch helfen, Fragen zu beantworten, die bislang kaum zu untersuchen waren.
Es ist jedoch Vorsicht nötig. Ein erheblicher Teil koreanischsprachiger Daten, mit denen KI trainiert wird, enthält von englischen Übersetzungen beeinflusste Formulierungen sowie Fehler und Tippfehler. Außerdem besteht die Gefahr, dass Technologie lediglich die „Form“ des Hangeul nachahmt und dabei seinen Geist und seine Geschichte ausblendet. Technologie ist ein Werkzeug; die Richtung müssen Menschen bestimmen.
– Wie soll sich Hangeul Ihrer Meinung nach in Zukunft entwickeln?
Sprache verändert sich ständig. Eine Sprache, die sich nicht mehr verändert, ist eine tote Sprache. Ich freue mich darüber, wie frei jüngere Generationen mit Hangeul spielen. Neologismen, aus Hangeul geschaffene Emoticons und typografische Experimente zeigen, wie vielfältig seine Kombinationsmöglichkeiten sind. Zwei Entwicklungen bereiten mir jedoch Sorgen. Die erste ist nicht einfach, dass die Wörter kürzer werden, sondern dass sich möglicherweise auch das Denken selbst verkürzt und die Fähigkeit abnimmt, längere Texte zu lesen und zu schreiben.
Die zweite ist die Gewohnheit, koreanische Ausdrücke durch fremde Schriftzeichen oder Lehnwörter zu ersetzen, obwohl sie sich problemlos auf Koreanisch ausdrücken ließen. Für die Zukunft wünsche ich mir ein Hangeul, das „einfach, tiefgründig und weit“ ist: eine Schrift, die jeder leicht verwenden kann, in der Gedanken tief sein können und deren Kreis von Nutzern sich auf die ganze Welt ausdehnen kann. Ich glaube, dass dies im Grunde auch das ist, wovon Sejong vor 580 Jahren träumte.
Offizielles Online-Plakat, veröffentlicht am 5. September 2026 anlässlich des Countdowns zum 100. Jahrestag der Einführung des Hangeul-Tages. Es informiert zugleich über die Hangeul-Woche, die in Seoul anlässlich des 580. Hangeul-Tages vom 6. bis 9. Oktober stattfindet, unter anderem am Gwanghwamun und im Koreanischen Nationalmuseum © Ministry of Culture, Sports and Tourism
Fast 50 Jahre nach Beginn seiner Beschäftigung mit Hangeul richtet Kim Seul-ong seinen Blick weiterhin auf die Zukunft der koreanischen Schrift. Das Jubiläumsjahr 2026 verbindet dabei ihre Geschichte mit ihrer weltweiten Weiterentwicklung.
Auch die Hangeul-Woche in Seoul greift das Jubiläum auf. Vom 6. bis 8. Oktober findet am Gwanghwamun das „Hangeul Playground“ statt. Am 9. Oktober folgen die Feierlichkeiten zum Hangeul-Tag vor dem Reflecting Pond des Koreanischen Nationalmuseums.
Dieser Artikel wurde von einer Korea.net-Ehrenberichterstatterin verfasst. Unsere ehrenamtlichen Reporter kommen aus der ganzen Welt und teilen ihre Liebe und Leidenschaft über alle Dinge in Korea.
dlektha0319@korea.kr