Jeon Eun-seuls ausgewähltes karpfenförmiges Wassergefäß aus weißem Porzellan bei ihrem Besuch im Koreanischen Nationalmuseum in Seoul am 26. September 2026. Das Originalobjekt, das ihre preisgekrönte Performance bei „Dress Like a Museum Exhibit 2026“ inspirierte, ist noch bis zum 22. Oktober im Museum ausgestellt
Von Ehrenberichterstatterin Jasmin Mikolay aus Deutschland | Fotos: Jeon Eun-seul
Am 19. September verwandelte sich der offene Innenhof des Koreanischen Nationalmuseums in Seoul in eine Bühne für koreanisches Kulturerbe. Beim Finale von „Dress Like a Museum Exhibit 2026“ (Originaltitel: 2026 국중박 분장놀이 전국편) interpretierten 25 Teams Museumsobjekte mit Kostümen und Performances neu. Den Hauptpreis gewann die Krankenpflegestudentin Jeon Eun-seul mit ihrer Darstellung eines karpfenförmigen Wassergefäßes aus weißem Porzellan.
Der vom Koreanischen Nationalmuseum organisierte Wettbewerb fand 2026 erstmals landesweit statt und bezog auch dessen 13 angeschlossene Nationalmuseen ein. Insgesamt nahmen 275 Teams mit 643 Teilnehmern teil. Nach der Bewerbungsphase vom 8. Juni bis 31. Juli folgten regionale Wettbewerbe in Chuncheon, Gongju, Daegu und Jeonju, bevor am 19. September das Finale in Seoul stattfand.
Jeon wählte ein kleines Wassergefäß aus weißem Porzellan mit kobaltblauer Verzierung in Form eines aus dem Wasser springenden Karpfens. Das 9,4 Zentimeter hohe und 10,6 Zentimeter lange Objekt erinnert an die Erzählung eines Karpfens, der die Stromschnellen bis zum Drachentor überwindet und sich anschließend in einen Drachen verwandelt. Das zur Lee-Kun-hee-Sammlung gehörende Stück ist noch bis zum 22. Oktober im Koreanischen Nationalmuseum zu sehen.
In Weiß und Blau gekleidet, bildete Jeon das Objekt nicht einfach nach. Sie stellte sich den Karpfen als gerade gefangenen, lebenden Fisch vor und setzte dessen Energie in dynamische Bewegungen um.
Korea.net-Ehrenberichterstatterin Jasmin Mikolay führte vom 21. bis 25. September ein E-Mail-Interview mit Jeon über ihre Inspiration, die Vorbereitung ihrer Performance und ihren neuen Blick auf das koreanische Kulturerbe.
Jeon Eun-seul, in Freizeitkleidung und ohne das Make-up und Kostüm, mit denen sie nach ihrem Sieg bei „Dress Like a Museum Exhibit 2026“ bekannt wurde, macht am 23. September 2026 in Palpan-dong in Seoul ein Selfie
– Könnten Sie sich unseren Lesern zunächst kurz vorstellen?
Hallo! Mein Name ist Jeon Eun-seul und ich bin im vierten Jahr meines Krankenpflegestudiums an der Joongbu University. Zurzeit konzentriere ich mich auf mein Studium und bereite mich auf den Berufseinstieg vor. Ich würde mich als einen fröhlichen Menschen beschreiben. Ich lächle nicht nur viel, sondern gebe meine positive Energie gerne an andere weiter und möchte dafür sorgen, dass sie sich wohlfühlen.
– Warum haben Sie sich unter den vielen Objekten des koreanischen Kulturerbes gerade für dieses karpfenförmige Wassergefäß aus weißem Porzellan entschieden?
Ich suchte nach einem Objekt, das auf Anhieb sympathisch wirkt und zugleich einen besonderen Charme besitzt. Dabei fragte ich mich: „Gibt es eines mit einem so einzigartigen Charakter, dass es auch das heutige Publikum anspricht?“ Dann entdeckte ich dieses Gefäß. Sein etwas verdutzter Gesichtsausdruck, fast zu unschuldig, um wütend werden zu können, entsprach genau dem, was ich suchte. Ich wusste sofort: Das ist es.
Jeon Eun-seul bereitet sich am 31. Juli 2026, dem letzten Tag der Bewerbungsphase für „Dress Like a Museum Exhibit 2026“, in einem Abstellraum ihres Zuhauses vor und verwandelt sich dank Schminkkunst in das lebendige karpfenförmige Wassergefäß
– Hat die intensive Beschäftigung mit dem Objekt Ihre Art verändert, Museumsstücke zu betrachten?
Früher habe ich alte Objekte eher als Ganzes betrachtet, ohne besonders auf Einzelheiten zu achten. Um selbst zu diesem Objekt zu werden, musste ich jedoch genau recherchieren und die Bilder aufmerksam studieren. Dadurch nahm ich all die kleinen Details viel bewusster wahr, die frühere Generationen in ihre Werke einfließen ließen. Ich entdeckte einen Reiz, der sich erst offenbart, wenn man wirklich genau hinsieht. Künftig möchte ich in einem Museum nicht möglichst viele Objekte sehen, sondern mir lieber für einige wenige mehr Zeit nehmen und sie genauer betrachten.
– Ihre Performance vermittelte den Eindruck, der Karpfen würde lebendig. Wie entstand dieses Konzept?
Als ich das Objekt zum ersten Mal sah, dachte ich sofort an einen lebenden Karpfen, der gerade gefangen wurde und sich windet, fast so, als würde er sich ungerecht behandelt fühlen. Ich fand es lustig, genau das in meine Performance einzubauen. Daraus entwickelte ich das Konzept des „lebenden Fisches“ und versuchte, dem Objekt eine eigene Persönlichkeit und dynamische Bewegungen zu geben.
– Die körperliche Vorbereitung scheint dabei besonders wichtig gewesen zu sein. Gibt es einen Moment aus den Proben, an den Sie sich besonders erinnern?
Für die Bewerbungsfotos brauchte ich zwei Tage. Am ersten Tag wollte ich die Aufnahmen ganz allein machen. Ich lehnte mein Smartphone gegen eine Wasserflasche und verbrachte Stunden damit, eine Pose einzunehmen, das Foto zu kontrollieren und alles zu wiederholen. Irgendwann konnte ich meinen Nacken kaum noch bewegen und bekam einen starken Bauchkrampf. Da dachte ich: „Auf der Bühne darf ich auf keinen Fall einen Bauchkrampf bekommen!“ Danach begann ich, körperlich zu trainieren und die Posen zu üben, damit ich die Haltung des Objekts möglichst genau nachstellen und auf der Bühne halten konnte.
Jeon Eun-seul übt am 30. Juli 2026, dem ersten Tag der Vorbereitung der Fotos für ihre Bewerbung bei „Dress Like a Museum Exhibit 2026“, in einem Abstellraum ihres Zuhauses die Pose des karpfenförmigen Wassergefäßes nachzustellen
– Ihre Interpretation ist humorvoll, dennoch bleibt die Verbindung zum Original sofort erkennbar. Wie haben Sie dieses Gleichgewicht gefunden?
Ich wollte Humor vermitteln, ohne den Wert des Kulturerbes zu beeinträchtigen. Bei einer zu starken Übertreibung hätte ich mich vom Wesen des Objekts entfernt. Deshalb versuchte ich, die ursprüngliche Form und die charakteristischen Merkmale des karpfenförmigen Gefäßes möglichst zu bewahren.
Beim Anfertigen des Kostüms überlegte ich zum Beispiel, die Schuppen mit einem glänzenden Stift zu zeichnen. Doch dadurch wäre die ruhige und zurückhaltende Schönheit des weißen Porzellans verloren gegangen. Deshalb entschied ich mich für leichte, dezente Linien, fast wie kleine Schatten, um die Schuppen darzustellen und zugleich die Eleganz des Porzellans zu bewahren.
– Sie stehen kurz vor Ihrem Studienabschluss und dem Einstieg ins Berufsleben. Warum war es Ihnen gerade jetzt wichtig, eine Herausforderung anzunehmen, die so wenig mit Ihrem Studium zu tun hat?
Kurz vor meinem Abschluss befinde ich mich an einem Punkt, an dem ich von einer noch etwas geschützten „Studentin“ zu einer Erwachsenen werde, die für ihre eigenen Entscheidungen Verantwortung trägt. Deshalb wurde die Frage „Wer bin ich und was passt wirklich zu mir?“ für mich immer wichtiger. Ich hatte das Gefühl, nach meinem Berufseinstieg weniger Möglichkeiten zu haben, herauszufinden, wer ich wirklich bin.
Es war fast so, als würde mein zukünftiges Ich mir zurufen: „Jetzt ist der Moment!“ Durch diese Bühne, den Hauptpreis und all die Unterstützung habe ich deutlicher erkannt, was mich ausmacht. Ich kann den Mut haben, mich vor anderen auszudrücken und mich auch einmal ein wenig lächerlich zu machen, um Spaß zu haben. Vor allem habe ich erkannt, dass ich eine kreative Idee entwickeln und sie tatsächlich verwirklichen kann.
– Was ging Ihnen durch den Kopf, als Ihr Name als Gewinnerin des Hauptpreises aufgerufen wurde?
Als ich mich zur Teilnahme entschied, hatte ich keine großen Erwartungen. Als ich die Qualifikation überstand, dachte ich bereits, großes Glück gehabt zu haben. Im Finale hatte ich das Gefühl, das gesamte Glück meines Lebens aufgebraucht zu haben. Allein auf dieser Bühne zu stehen, war für mich schon genug. Während der Preisverleihung dachte ich bereits darüber nach, was ich danach mit meiner Familie essen gehen würde. Dann rief der Moderator: „Jeon Eun-seul!“ Für einen Moment fragte ich mich: „Bin wirklich ich gemeint? Gibt es vielleicht noch jemanden mit demselben Namen?“ Als mir klar wurde, dass tatsächlich ich gemeint war, empfand ich enorme Dankbarkeit. Mir wurde bewusst, dass es nicht nur Glück gewesen war, sondern dass ich auch all den Menschen viel zu verdanken hatte, die mich unterstützt und angefeuert hatten.
– Was bedeutet „Mut“ nach dieser Erfahrung für Sie?
Für mich bedeutet Mut, etwas auszuprobieren und selbst nach einem Misserfolg weiterzugehen. Früher hielt mich die Angst vor dem Scheitern oft davon ab, überhaupt etwas zu versuchen. Ich setzte mir selbst Grenzen und blieb innerhalb dieses Rahmens. Durch die verschiedenen Runden des Wettbewerbs und schließlich den Sieg habe ich erkannt, dass meine Grenzen nicht im Voraus festgelegt sind und niemand bestimmen kann, wie weit meine Möglichkeiten reichen. Nur wenn man etwas versucht, kann daraus etwas entstehen. Und selbst wenn man scheitert, kann man daraus lernen, es erneut versuchen oder einen anderen Weg finden.
– Jüngere Generationen entdecken gerade wieder den Reiz am koreanischen Kulturerbe. Wie haben Sie das erlebt?
Ja, das empfinde ich sehr deutlich. Bei „Dress Like a Museum Exhibit 2026“ habe ich erlebt, dass Teilnehmer und Publikum nicht einfach nur zuschauten und dann weitergingen. Alle hatten gemeinsam Spaß und fragten sich bereits: „Welches neue Objekt wird wohl beim nächsten Mal auftauchen?“ Ein Objekt, das zuvor still hinter einer Vitrine stand, symbolisch herauszuholen, es in Bewegung zu versetzen und daraus eine Performance entstehen zu lassen, ist für mich eine sehr wirkungsvolle und originelle Art, Kulturerbe zu vermitteln. Dadurch kann unser Kulturerbe zugänglicher werden und sowohl in Korea als auch international Aufmerksamkeit wecken.
– Was möchten Sie ausländischen Lesern durch Ihre Performance vermitteln?
Ich wünsche mir, dass alles mit einer einfachen Neugier beginnt: „Ich wusste gar nicht, dass es in Korea ein so lustiges und ungewöhnliches Objekt gibt!“ Daraus sollten weitere Fragen entstehen: „Wofür wurde dieses Objekt verwendet? Warum wurde es hergestellt?“ Ich möchte nicht, dass man es nur als einen alten Gegenstand betrachtet. Ich hoffe, dass die Menschen auch seine historische Bedeutung und die damit verbundenen Emotionen entdecken und dadurch mehr über die Tiefe der koreanischen Geschichte und den Reichtum des koreanischen Kulturerbes erfahren möchten.
Jeon Eun-seul (rechts) probt am 19. September 2026 vor dem Warteraum der Teilnehmer im Koreanischen Nationalmuseum in Seoul einen zusätzlichen Teil ihrer Performance, der am Tag vor dem Finale hinzugefügt wurde. Begleitet wird sie von ihrer älteren Schwester und deren Freund
Durch den kleinen Porzellankarpfen, der zum Ausgangspunkt ihrer Performance wurde, hat Jeon Eun-seul eine neue Art entdeckt, das koreanische Kulturerbe zu betrachten und zugleich mehr über sich selbst zu erfahren. Ihre Geschichte zeigt auch, wie ein Objekt hinter einer Museumsvitrine eine neue Dimension gewinnen kann, wenn es die Neugier und Kreativität des Publikums weckt.
Dieser Artikel wurde von einer Korea.net-Ehrenberichterstatterin verfasst. Unsere ehrenamtlichen Reporter kommen aus der ganzen Welt und teilen ihre Liebe und Leidenschaft über alle Dinge in Korea.
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